Dieser Artikel entstand aus der Abschrift eines Videotelefonats und einem zusätzlichen schriftlichen Interview. Beides wurde im Juni 2020 von Choo Young-Rong und Lee Aram geführt.
JO HYE-MI: Hallo. Wie geht es Ihnen?
KIM JI-EUN: Danke, mir geht es gut.
JO HYE-MI: Wie ist das Leben in Südkorea derzeit?
KIM JI-EUN: Wegen des Coronavirus kann man nicht oft ausgehen, aber unser Alltag läuft recht gut. Ich habe gehört, dass asiatische Menschen Rassismus erleben, weil das Coronavirus in China ausgebrochen ist… Alles in Ordnung in Deutschland?
JO HYE-MI: Am Anfang der Corona-Pandemie haben als ostasiatisch gelesene Menschen definitiv Rassismus erlebt. Wenn Leute zum Beispiel eine asiatische Person mit Maske sahen, flüsterten sie einander zu: »Er ist mit Corona infiziert.« In Südkorea zeigt das Tragen einer Maske, dass man anderen nicht schaden möchte. Ein solches Selbstverständnis war in der deutschen Gesellschaft noch nicht verbreitet. Inzwischen, so glaube ich, haben die Menschen in Deutschland verstanden, dass Masken für die Infektionsprävention sinnvoll sind und daher denke ich, dass die Situation langsam besser wird.
Mehrfachdiskriminierung
»Die Vertragsstaaten erkennen an, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind, und ergreifen in dieser Hinsicht Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass sie alle Menschenrechte und Grundfreiheiten voll und gleichberechtigt genießen können.«1International Convention on the Protection and Promotion of the Rights and Dignity of Persons with Disabilities, G.A. Res. 61/106, Annex I, U.N. GAOR, 61st Sess., Supp. No. 49, at 65, U.N. Doc. A/61/49 (2006), entered into force May 3, 2008
Die UN-Behindertenrechtskonvention Artikel 6 Abs. 1: Frauen mit Behinderungen
KIM JI-EUN: Frauen mit Behinderung erleben unterschiedliche Arten von Diskriminierung und sexueller Gewalt, je nach Art der Behinderung, die sie haben. Selbst bei gehörlosen Personen hängt es davon ab, ob sie in Gebärdensprache oder in Lautsprache kommunizieren können. Deshalb denke ich nicht, dass meine persönliche Erfahrung repräsentativ für alle gehörlosen Frauen ist.
KOREA FORUM: Können Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen?
KIM JI-EUN: Da ich gehörlos bin, höre ich nicht, wenn jemand anzügliche Bemerkungen macht. Aber ich habe ein Gefühl dafür, wenn Menschen um mich herum mich sexuell belästigen, beleidigen oder sich über mich lustig machen. Ich lebe schon lange auf dem Land, wo es nicht viele Straßenlaternen gibt und nachts nur wenige Menschen auf der Straße sind, so dass es für Frauen immer gefährlich ist, allein unterwegs zu sein. Ich bin dort seit meiner Geburt aufgewachsen und hatte nie Angst vor sexueller Gewalt. Aber als ich 20 Jahre alt wurde, habe ich durch verschiedene Medien erfahren, dass Sexualstraftäter vor allem junge Frauen im Visier haben.



Als Studentin machte ich mich hübsch, indem ich kurze Röcke, hohe Absätze und eine schicke Frisur trug, aber gleichzeitig hatte ich Angst, dass ich nachts Opfer eines sexuellen Übergriffs werden könnte. Ich kann nicht hören, wenn mir jemand folgt, und das ist es, was mir Sorgen bereitet. Aber ich kann in der gesprochenen Sprache kommunizieren, so dass ich in einer Gefahrensituation durch Schreien um Hilfe rufen könnte. Eine gehörlose Frau, die nur in Gebärdensprache, nicht aber in Lautsprache kommunizieren kann, wäre in der gleichen Situation im Nachteil. Jetzt trage ich statt unbequemer hoher Absätze bequeme Turnschuhe, kurze Haare, die man nicht einfach festhalten kann, sowie bequeme weite Kleidung für eine Vielzahl von Aktivitäten. Ich unterscheide mich in meiner Statur nicht so sehr von einem kleinen südkoreanischen Mann. Deswegen sehe ich von Weitem wie ein Mann aus und nicht mehr aus wie ein potenzielles Opfer, so dass ich keine Angst mehr habe, nachts auf den Straßen zu sein.
Feminismus einer gehörlosen Frau
KOREA FORUM: Wie waren Ihre Erfahrungen, Jo Hye-Mi?
JO HYE-MI: Früher wusste ich selbst nicht genau, was Feminismus eigentlich ist. Ich habe drei Geschwister: meine Eltern bekamen zuerst zwei Mädchen, bis mein Bruder geboren wurde. Der Sohn wurde von meinen Eltern bevorzugt. Während meine Schwester und ich um 19 Uhr zuhause sein mussten, hatte er keine zeitlichen Einschränkungen. Weil ich in einer solchen Familie aufgewachsen bin, dachte ich: »Ich kann das nicht schaffen, weil ich eine Frau bin« und »Immer werden die Männer übergeordnet sein«. Aber es gab immer so etwas wie einen ungelösten, unstillbaren und leisen Druck in mir. Ich habe mich diskriminiert gefühlt, aber ich konnte nicht genau verstehen, was das war. Darüber hinaus ist der Feminismus in Südkorea ein Fremdwort. Als ich dieses Wort zum ersten Mal gelesen habe, habe ich nicht genau verstanden, was Feminismus bedeutet.
KOREA FORUM: Wie haben Sie den Feminismus für sich entdeckt?
JO HYE-MI: Ich nahm an einem Seminar teil, bei dem Frauen mit Behinderung aus aller Welt über Feminismus und Behinderung gesprochen haben. Sie erzählten mir: »Ich hatte auch die gleichen Erfahrungen gemacht.« Das brachte mich dazu, darüber nachzudenken, welche Gefühle ich in mir hatte, was uns miteinander verbindet und welche Antworten der Feminismus mir gibt. Erst dann wurde mir klar, wie irrsinnig die Unterdrückung und Diskriminierung waren, die ich als Frau zuvor erlebt hatte. Doch die Definition von Feminismus und der Inhalt waren so tief und komplex, dass ich ihn nicht gut verstehen konnte. Ich wollte mehr über den Feminismus wissen. Aber aufgrund meiner Gehörlosigkeit dauerte es sehr lange, bis ich den richtigen Zugang zu Informationen hatte. Sie waren für mich begrenzt. Wie immer nehmen die hörenden Personen Informationen viel schneller auf als gehörlose Personen.



Die Gehörlosen-Community und Gendersensibilität
KOREA FORUM: Wie ist das Thema Gendersensibilität innerhalb der Gehörlosen-Community in Südkorea angekommen?
Ich kenne eine Geschichte aus der Zeit, als ich in der südkoreanischen Gehörlosen-Community aktiv war. Eine gehörlose Frau erzählte mir, dass Männer wütend und gereizt auf das Wort Feminismus reagieren, weil Feminist*innen in ihren Augen übertreiben und lügen würden und alle Männer als kriminell abstempelten. Ich dachte. dass gehörlose Männer so reagieren, weil sie nicht genug über den Feminismus wussten.
KIM JI-EUN: Das gilt nicht nur für Gehörlose.
JO HYE-MI: Ja, das stimmt, dasselbe gilt auch für hörende Männer. Es gab einen Moment, der mir die Augen öffnete: Wenn jemand eine gehörlose Person ansprechen möchte, tippt er ihr meist auf die Schulter. Aber manche Männer berühren oder streicheln meine Schulter, anstatt mir leicht auf die Schulter zu tippen. Immer wenn ich »Das ist mir unangenehm« sage, dann antworten sie mit: »Sie sind doch taub. Es ist normal, Gehörlose zu berühren, wenn man sie ansprechen möchte.« Es stresst mich, dass Männer dies ausnutzen.
KIM JI-EUN: Man denkt oft, gehörlose Männer würden einen nicht sexuell belästigen, weil sie keine Lautsprache, sondern eine Gebärdensprache benutzen, aber sie sind auch nicht anders als andere Männer. Es ist oft sogar noch schlimmer. In der Gebärdensprache nutzt man direkte Ausdrücke, wodurch sexuelle Belästigung direkter und unangenehmer sein kann. Zum Beispiel erwähnte ein gehörloser Mann, dass er auf Frauen mit einer guten Figur steht, und zeichnete mit seinen Gesten die kurvige Figur einer Frau explizit nach. Ich teilte ihm mit. dass es mir unangenehm sei, und er redete sich damit heraus, dass dies ein Merkmal der Gebärdensprache sei. Wenn ich umgekehrt den männlichen Körper und den Penis detailliert ausdrücken würde, würde er sicherlich sagen, das sei unangemessen.
KOREA FORUM: Wie geht man in der Gehörlosen-Community mit sexueller Belästigung um?
KIM JI-EUN: Gehörlose haben eine eigene Sprache und Kultur, so dass die Gemeinschaft unweigerlich geschlossen ist und einen starken Gruppenzusammenhalt hat. Über Vorfälle in einer solchen Community ist leichter stillschweigend hinwegzusehen. Ich finde, dass die Ereignisse unter Gehörlosen selten aufgedeckt werden. Selbst wenn ein männlicher Gehörloser eine gehörlose Frau vergewaltigt, kann er in einer kurzen Zeit der »Reuefindung« wieder zum Gehörlosenverein zurückkehren. Im Gegensatz dazu ist es für gehörlose Frauen aufgrund der lebenslangen gesellschaftlichen Stigmatisierung schwieriger, einen guten Job zu finden. Deshalb verstecken oder verbergen es die meisten von ihnen, anstatt dies zu melden. Selbst wenn die Frauen sich dazu entscheiden, die Tat anzuzeigen, ist es nicht einfach, mit der Polizei zu sprechen. Zum Übersetzen muss ich einen Gebärdensprachdolmetscher engagieren – aber es ist schwierig, mit einem männlichen Gebärdensprachdolmetscher darüber zu sprechen. In diesem Punkt denke ich, dass gehörlose Frauen noch mehr Hürden zu überwinden haben. Abgesehen von der Geschlossenheit der Gehörlosen-Community, können die meisten Menschen keine Gebärdensprache sprechen, und deshalb sind die Probleme der Gehörlosen von außen nicht leicht zu erkennen.
Lernen, Kommunikation und Beteiligung in der Gesellschaft über das Internet
KOREA FORUM: Wie informieren Sie sich über feministische Themen?
KIM JI-EUN: In der südkoreanischen Gehörlosen-Community gibt es nur unzureichend Informationen über Feminismus in Gebärdensprache. Ich habe ein paar gehörlose Freundinnen bei einer Demonstration gegen illegale Foto- und Videoaufnahmen kennengelernt, und sie haben über das feministische Thema nicht mit Gebärdensprache, sondern in Lautsprache und Schrift kommuniziert. Meine Freund*innen hingegen, die Lautsprache benutzen, können problemlos Sätze in koreanischer Sprache verstehen, so dass sie keine besonderen Schwierigkeiten haben, an diese Informationen zu gelangen. Bemerkenswert ist aber, dass viele Gehörlose heute Kanäle auf YouTube eingerichtet haben und viele Videos in Gebärdensprache produzieren. Wir sehen dadurch, wie sich die geschlossene Gemeinschaft der Gehörlosen in eine offene Gesellschaft verwandelt.
JO HYE-MI: Ja, wenn ich Schwierigkeiten habe, an Informationen zu kommen, schaue ich mir auf YouTube Videos zu Themen wie Gehörlosigkeit, Feminismus und Behinderung bei Frauen an. Es gibt nicht viele feministische Treffen unter Gehörlosen, aber sie existieren und ich habe daran teilgenommen, was eine gute Gelegenheit war, viel dazuzulernen. Besonders in Deutschland, wo ich lebe, gibt es gehörlose Frauen, die online als Feminist*innen aktiv sind. Das ist in letzter Zeit vermehrt zu beobachten. Viele deutsche gehörlose Feminist*innen laden Videos in Gebärdensprache auf Instagram oder Facebook hoch. Sie filmen Videos in Gebärdensprache und laden diese Videos mit Untertiteln hoch. Ich lerne viel durch diese Inhalte.
KIM JI-EUN: Ich denke, das kann eine Gelegenheit sein, Vorurteile oder das bestehende Bewusstsein von Hörenden über die Gehörlosen durch das Medium YouTube zu verändern. Bisher gab es viel zu wenig Möglichkeiten für Gehörlose, auf der Bühne zu stehen, aber jetzt ist es eine Welt geworden, in der jede*r ihre*seine eigene Bühne schaffen und über sich selbst sprechen kann. Es ist zu hoffen, dass Menschen mit Hörbehinderung aktiv an diesen Prozessen des gesellschaftlichen Wandels teilnehmen und dadurch verschiedene Seiten der Gehörlosen nach außen zeigen und eine lebendige Kultur der Gehörlosen schaffen.
Unterschiede und Gemeinsamkeiten
KIM JI-EUN: Ich glaube, dass in jedem Land der konkrete feministische Diskurs andere Schwerpunkte hat. Südkoreanische Feminist*innen sind zum Beispiel sehr an digitalen Sexualverbrechen interessiert. Neben dem Thema der illegalen Foto- und Videoaufnahmen gab es in letzter Zeit auch viele Proteste im Zusammenhang mit dem Fall der sexuellen Ausbeutung auf Telegram. Das Phänomen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch privat skrupellos illegale Fotos- und Videos von Frauen zu machen, ist ernst. Es scheint jedoch, dass in Europa die sexuelle Objektifizierung von Frauen nicht so schwerwiegend ist wie in Südkorea. Selbst wenn jemand sich freizügig gibt, wird das nicht als schlimm wahrgenommen. Aufgrund solcher Unterschiede scheint die Anti-Korsett-Bewegung (코르셋 운동 auf Koreanisch) in Südkorea zu einem großen Thema geworden zu sein.
JO HYE-MI: Für Gehörlose ist das Sehen sehr viel wichtiger. Optische Geschlechterdiskriminierung ist in Südkorea noch viel schlimmer als in Europa. Die Befreiungsbewegung in Bezug auf das Aussehen – etwa keinen BH zu tragen oder die Frisur zu ändern – ist hier in Deutschland nicht ganz so stark. Feminist*innen in Deutschland fokussieren sich mehr auf die Lohndiskriminierung. Ich denke, dass feministische Bewegungen vom kulturellen Umfeld geprägt sind.

KOREA FORUM: Können Sie uns vielleicht mit einem Beispiel erzählen, wie Sie von einem thematischen Schwerpunkt der Berliner feministischen Szene erfahren haben?
JO HYE-MI: Als ich am 8. März 2019 am Protestzug zum Frauentag in Berlin teilgenommen habe, waren alle außer mir Hörende. Ich möchte einer älteren südkoreanischen Krankenschwester, die als Gastarbeiterin nach Deutschland gekommen war, applaudieren, die mit mir marschierte und sagte: »Ich bin zwar alt, aber als Frau unterstütze ich den Feminismus.« Es war erfreulich, dass auch viele Männer uns unterstützt haben. Und am 8. März 2020 bin ich zu einem Protest mit einer 17-jährigen gehörlosen Frau aus Lettland gelaufen. Sie hatte unter schwerer sexueller Dis- kriminierung, unter sexueller Gewalt und der patriarchalischen Gesellschaft in Lettland gelitten, so dass sie für ihr eigenes Überleben nach Deutschland gekommen war. Sie hat ihre Erfahrungen in Gebärdensprache auf deutsch mitgeteilt und sich mit lettischen Freund*innen online über den Feminismus ausgetauscht. Während des Protestes hielt sie eine Rede in deutscher Gebärdensprache, ich in internationaler Gebärdensprache, während eine hörende Freundin das Redemanuskript vorlas und so in die gesprochene Sprache übersetzte. Diese Erfahrung war sehr wertvoll für mich. Es wäre schön, eine solche Veranstaltung auch in Südkorea durchzuführen.
KOREA FORUM: Ja, Berlin ist sehr international. Wie haben Sie als gehörlose Frau bei Demonstrationen und politischen Aktivitäten mitgemacht, Kim Ji-Eun?
KIM JI-EUN: Ich habe eine ähnliche Erfahrung gemacht. 2018 gab es Demonstrationen gegen illegale Foto- und Videoaufnahmen in Seoul. Am Anfang wurde auf die Gehörlosen auf der Demo keine Rücksicht genommen. Die Organisation wusste auch nicht, wie sie die gehörlosen Teilnehmer*innen berücksichtigen sollte. Deswegen habe ich am Anfang mit einer hörenden Freundin teilgenommen. Sie hat mir die Inhalte übersetzt, indem sie sie mir auf das Handy geschrieben hat. Vor der zweiten Teilnahme habe ich auf der Protest-Website meine Hoffnung gepostet, dass ich aktiver teilnehmen kann. Ich habe geschrieben, dass ich gehörlos bin und es schön wäre. wenn ich bei den Protesten eine Gebärdensprachdolmetscherin bekommen könnte. und, wenn nicht, gerne vorne sitzen würde, um die Situation etwas besser verfolgen zu können. Dann antworteten die Organisator*innen, dass sie einen separaten Sitz für behinderte Menschen einrichten würden. Auf diese Weise konnten ich und meine gehörlosen und hörenden Freund*innen, die Gebärdensprache sprechen, zusammenkommen und viel miteinander kommunizieren. Es war eine wirklich gute Erfahrung.
KOREA FORUM: Was ist Ihre Motivation, sich feministisch zu engagieren?
KIM JI-EUN: Einige nehmen an feministischen Protesten für das Gefühl der Solidarität teil, während andere sich an Protesten beteiligen, um für ihre unmittelbaren Probleme zu kämpfen. Auf der ersten Demonstration, bei der ich mitlief, ging es um die erwähnten illegalen Foto- und Videoaufnahmen. In Südkorea haben sich die digitalen Sexualverbrechen im Gleichschritt zur Internetgeschwindigkeit entwickelt. Vor einigen Jahren sagte die Polizei, dass es schwierig sei, IP-Adressen zurückzuverfolgen, weil die meisten illegalen Filmvertriebsplattformen Server im Ausland hatten. Entsprechend wurden Verbrecher*innen selten gefasst. Das Einzige, was ich als Einzelperson tun konnte, war, etwa bei der Benutzung von öffentlichen Toiletten, sicherzustellen, dass es keine versteckte Kamera gibt. Aber in einem Fall, bei dem eine Frau heimlich den nackten Körper eines männlichen Models in einem Aktzeichenkurs ihrer Universität fotografierte und dieses Foto im Internet verbreitete, konnte die Polizei die Person sofort ausfindig machen. Und die Website, auf der das Foto veröffentlicht wurde, hatte auch einen Server im Ausland. Zahlreiche Männer, die lange Zeit illegal gefilmt hatten, wurden zu leichten Strafen wie Geldstrafen oder Bewährung verurteilt, während die angeklagte Frau eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten erhielt. Da wurde mir klar, dass Strafen für Frauen schwerer ausfallen, wenn sie zu Täterinnen werden. Männer, die denken, dass Frauen sich zu ihrem eigenen Vergnügen ausnutzen lassen würden, werden Polizisten, Staatsanwälte und Richter. Haben Sie nur Mitgefühl mit dem Leiden der männlichen Opfer, aber nicht mit dem Leiden zahlreicher weiblicher Opfer? Aufgrund der unfairen Ermittlungen und Verfahren habe ich begonnen, zusammen mit anderen Feminist*innen aktiv an Protesten teilzunehmen. Wir wollen Männern verdeutlichen, dass wir nicht ihre Pornografie sind.
BH-Verzicht, gemeinsame Kinderbetreuung, Boss Bitch?
KIM JI-EUN: Ich trage häufig keinen BH. Im Sommer trage ich ihn, aber nicht im Winter.
JO HYE-MI: Hier trägt man, was man will und ich fühle mich relativ frei.
KIM JI-EUN: Im Jahr 2018 gab es in Südkorea eine große BH-Befreiungsbewegung, und viele Frauen protestierten oberkörperfrei am Bahnhof Gangnam. Als meine Mutter diese Nachrichten sah, war sie schockiert. Sie war wütend, weil ich keinen BH trug, und fragte, ob ich wie die Frauen in den Nachrichten sein wollte.
JO HYE-MI: Ich habe mich viel mit meinem Vater gestritten, der sehr konservativ ist. Er sagt, dass Männer auf keinen Fall an den Herd dürfen und Frauen sittsam sein sollten. Er sagt noch immer zu mir, dass alle Männer Wölfe seien und ich deswegen vorsichtig sein müsse. Ich ignorierte seine Worte. Einmal sagte ich zu ihm: »Papa, ich bin eine Feministin«, und er antwortete: »Spinnst du?« Vielleicht ist es ein schwieriges Konzept für die alte Generation. Sie haben das noch nie erlebt. Aber ich denke, dass wir uns gemeinsam ändern müssen, da sich die Zeiten auch ändern.
KOREA FORUM: Was haben Sie in Zukunft noch mit Ihren feministischen Aktivitäten vor?
KIM JI-EUN: Ich halte es für sehr wichtig, dass Frauen in höhere Positionen aufsteigen, weil Frauen durch eine höhere Position und durch eine aktivere Teilnahme am gesellschaftlichen Leben aus dem Umfeld der substanziellen Unterdrückung entkommen können. Es ist wichtig, dass Frauen ihre Fähigkeiten entwickeln und ihre Rolle in der Gesellschaft als Expertinnen übernehmen.
JO HYE-MI: Ja, das stimmt… Aber insbesondere halte ich es für wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und solidarisch miteinander zu sein, anstatt zu denken: »Ich schaffe es nicht, weil ich gehörlos bin.« Ich möchte eine Gesellschaft gestalten, in der ich als gehörlose Frau meine Ideale mit anderen zusammen einbringen kann.
KIM JI-EUN: Übrigens interessiert mich, wie Haushalt und Kinderbetreuung in Deutschland aufgeteilt werden.
JO HYE-MI: Ich weiß das nicht genau, weil ich nicht verheiratet bin, aber wenn ich mir meine Freund*innen ansehe, wirkt es, als würden sie unabhängig vom Geschlecht die Arbeit untereinander aufteilen und viel darüber reden. Es sieht so aus, als ob sie sich damit wohlfühlen.
KIM JI-EUN: Werden Frauen, nachdem sie Kinder bekommen haben, nicht entlassen oder implizit unter Druck gesetzt?
JO HYE-MI: Das habe ich in meiner Umgebung noch nicht gesehen. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer nehmen Elternzeit.
KIM JI-EUN: Es wäre schön, wenn das in Südkorea auch so wäre. 2Anm. d. Red.: In Südkorea konnten früher Haushalte mit zwei berufstätigen Eltern sich jeweils ein Jahr von der Arbeit freistellen lassen, um Kinder unter acht Jahren zu Hause großziehen zu können. Das in 2019 überarbeitete Gesetz. erlaubt es mittlerweile Angestellten, sich bis zu zwei Jahre freistellen zu lassen. Die Zahl der Männer, die Elternzeit nehmen, stieg von 1.402 im Jahr 2011 auf 22.297 im Jahr 2019, aber der Anteil lag immer noch bei nur 21.2 Prozent, wobei 2020 zum ersten Mal die Schwelle von 20 Prozent überschritten wurde.
- 1International Convention on the Protection and Promotion of the Rights and Dignity of Persons with Disabilities, G.A. Res. 61/106, Annex I, U.N. GAOR, 61st Sess., Supp. No. 49, at 65, U.N. Doc. A/61/49 (2006), entered into force May 3, 2008
- 2Anm. d. Red.: In Südkorea konnten früher Haushalte mit zwei berufstätigen Eltern sich jeweils ein Jahr von der Arbeit freistellen lassen, um Kinder unter acht Jahren zu Hause großziehen zu können. Das in 2019 überarbeitete Gesetz. erlaubt es mittlerweile Angestellten, sich bis zu zwei Jahre freistellen zu lassen. Die Zahl der Männer, die Elternzeit nehmen, stieg von 1.402 im Jahr 2011 auf 22.297 im Jahr 2019, aber der Anteil lag immer noch bei nur 21.2 Prozent, wobei 2020 zum ersten Mal die Schwelle von 20 Prozent überschritten wurde.
