Das Anwerbeabkommen löste tiefgreifende Konsequenzen in den Herkunfts- wie Aufnahmegesellschaften aus. Die folgende Analyse beleuchtet die Folgen für Südkorea, die durch die Abwanderung hochqualifizierter Krankenpflegerinnen veranlasst wurden und die bis heute Einfluss auf alle beteiligten Gesellschaften ausüben.
Deutschland initiierte den Zweiten Weltkrieg und konnte dennoch während der Aufbauphase der 1950er Jahre seine wirtschaftlichen Grundlagen aufbauen und entwickeln. Südkorea dagegen errichtete nach der Befreiung vom japanischen Imperialismus 1945 die alleinige Regierung ohne Nordkorea; wurde aber durch den Koreakrieg (1950- 1953) völlig verwüstet. Durch den Krieg zementierte sich der ideologische Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. In der wirtschaftlichen Not verbreitete sich Korruption, und auch die Arbeitslosigkeit stieg an. In dieser Zeit bemühte sich die südkoreanische Regierung auf diplomatischem Weg, staatliche Kredite durch westliche Industrienationen zu erhalten. Ziel war es, die hohe Arbeitslosigkeit zu senken und neue Wirtschaftspläne umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt nahm die Bundesrepublik Deutschland (BRD) an dem »Programm für Entwicklungsländer und regionale Wirtschaftsentwicklung« der UN (heute: United Nations Development Programme) teil und versprach unter dem Druck der USA die »Dritte Welt« mit 300 Milliarden DM zu unterstützen. Deutschland entschied sich, Südkorea in der Phase des Aufbaus nach dem Krieg Wirtschaftshilfe zu leisten.
Im Mai 1961 ergriff das Regime von Park Chung-Hee durch einen Militärputsch die Macht und verabschiedete 1962 das Gesetz für Migration. Damit setzte sich eine Politik durch, die gezielt und intensiv koreanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zunächst in die USA und nach Lateinamerika emigrieren ließ. Ab 1962 wurden zum ersten Mal Pflegekräfte in die USA und bis in die 1970er hinein in 15 weitere Länder entsandt. 1963 gingen die ersten Arbeitskräfte für den Bergbau in die BRD. Im November 1965 wurde ein spezielles Institut, die »Korea Overseas Development Corporation (KODC)« für die Entsendung der Arbeitskräfte ins Ausland gegründet. Am 31. Januar 1966 wurden erstmals 125 Koreanerinnen mit dem Zertifikat für Krankenpflege in deutschen Krankenhäusern angestellt. Dies geschah durch die Vermittlung der KODC und von Privatpersonen. Laut des Berichts der »South Korea’s Truth and Reconciliation Commission« (Kommission für Wahrheit und Versöhnung in Südkorea) wurden zwischen 1960 und 1976 offiziell 11.057 Frauen aus Südkorea für die BRD angeworben.
Damit fand die Anwerbung in großem Maßstab in der Phase statt, als die westlichen Industrienationen nach dem Koreakrieg Südkorea Wirtschaftshilfe leisteten. Tatsächlich stellte jedoch die Anwerbung aus asiatischen Ländern wie Südkorea, Indien und den Philippinen eine Maßnahme dar, um den Mangel an Fachkräften im Bereich der Gesundheit und Pflege in Deutschland auszugleichen, und so das soziale Wohlfahrtssystem der 1960er in der Bundesrepublik aufrechtzuerhalten. Letztendlich fand eine Massenmigration von qualifizierten Pflegekräften aus einem durch den Krieg verarmten Land wie Südkorea statt, um das Wohlfahrtssystem der »entwickelten« Bundesrepublik Deutschland zu sichern. Ferner ist die politisch motivierte systematische Umsetzung der Massenmigration von Bergarbeitern und Krankenpflegerinnen durch das Park Chung-Hee-Regime in die BRD als eine typische Strategie von Transformationsländern zu bewerten, hervorragende Arbeitskräfte in Industriestaaten zu exportieren, um die Arbeitslosigkeit im eigenen Land zu senken und gleichzeitig ausländische Devisen einzuholen.
DER MANGEL AN PFLEGEKRÄFTEN IN SÜDKOREA UND WEITERE KRITISCHE STIMMEN
Die Entsendung koreanischer Pflegekräfte in die BRD stieß nicht nur im eigenen Land, sondern auch international auf starke Kritik. Pflegekräfte, die mithilfe internationaler finanzieller Unterstützung ausgebildet worden waren, wurden während der Aufbauphase der zerstörten Gesellschaft nach dem Krieg, nicht in Südkorea, sondern in der BRD beschäftigt. Alan E. McBai, der damalige Vertreter der UNICEF in Südkorea, kritisierte, dass Deutschland die deutlich schwächere Lage des südkoreanischen Gesundheitswesens verschlimmere. Am 14. September 1966 veröffentlichte die englischsprachige Zeitung The Korea Times einen Artikel mit dem Titel »Urgent Steps Asked to halt Nurse-Drain«, in dem gefragt wurde, welche Maßnahmen erforderlich seien, um die Abwanderung von Krankenpflegerinnen aus Korea aufzuhalten. Ferner stellte ein Vertreter des internationalen Hilfswerks Misereor gegenüber dem Auswärtigen Amt der BRD
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Gruppenfoto Krankenpflegerinnen
in einem Brief fest, dass Koreanerinnen, deren Ausbildung durch Misereor finanziert worden sei, in der BRD arbeiten würden, und somit der Mangel an Pflegekräften in Südkorea selbst verstärkt würde. Misereor forderte aus diesem Grund die Einstellung der Anwerbung. Daraufhin sprach das deutsche Auswärtige Amt die Empfehlung aus, bei der Ausstellung von Arbeitserlaubnissen für Koreanerinnen durch die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, diejenigen auszuschließen, die durch kirchliche Institutionen ausgebildet worden waren.
Über ein weiteres eindrucksvolles Beispiel aus dieser Zeit berichtete die südkoreanische Tageszeitung Donga Ilbo am 7. November 1966 in dem Artikel »Mangelnde Krankenschwestern«. Dieser zeigte die besorgniserregende Lage in der Universitätsklinik Seoul auf und berichtete, dass mehr als die Hälfte des Klinikpersonals ins Ausland gegangen sei und mehr als die Hälfte der zurückgebliebenen Beschäftigten lediglich Berufserfahrungen von unter einem Jahr besäße. Nach etwa fünf Jahren, am 9. März 1971, schrieb dieselbe Tageszeitung den Artikel »Abwanderung von Krankenschwestern ins Ausland: Großer Mangel im Inland«. Obwohl die Krankenpflegerinnen mit Zertifikat nur die Hälfte des notwendigen Gesundheitspersonals in Korea darstellten, wurde politisch die Entscheidung getroffen, über 30.000 Krankenpflegerinnen für einen längeren Zeitraum in die BRD zu entsenden.
Nicht nur in Korea, sondern auch international mehrte sich die Kritik an der Politik des Exports von Arbeitskräften. Der Grund dafür war, dass die südkoreanische Gesellschaft, die zwei Kriege durchlebt hatte, zwar mit internationaler Entwicklungshilfe die gesellschaftlichen Grundlagen des Landes aufbaute, aber genau in dieser Phase die medizinischen Fachkräfte mit hoher Qualifikation emigrieren ließ, um zum Beispiel die Sozialpolitik in der BRD abzusichern. Wie die obigen Artikel zeigen, litt die südkoreanische Gesellschaft unter dem absoluten Mangel an Krankenpflegerinnen. Südkorea war so nicht in der Lage, ein eigenes, modernes medizinisches Versorgungssystem aufzubauen. Das Fehlen von Pflegepersonal führte zu mangelnden medizinischen Dienstleistungen, zu Qualitätsverlusten und insgesamt zur Unterversorgung der Bevölkerung in der Gesundheit.
Das zeigt folgende Entwicklung: 1956 wurde nach der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft und der südkoreanischen Staatsgründung zum ersten Mal in Südkorea das Gesetz für Gesundheitsämter verabschiedet. Dieses Vorhaben konnte jedoch aufgrund der schwachen Finanzlage des Staates nicht umgesetzt werden. Das Ministerium für Gesundheit und Gesellschaft stellte schließlich den »Dreijahresplan« auf. Danach sollten zwischen 1959 und 1961 landesweit 182 Gesundheitsämter errichtet werden. Aber gerade der Mangel an medizinischen Fachkräften bedeutete, dass lediglich 100 Ämter aufgebaut werden konnten. Das Park Chung-Hee-Regime versuchte außerdem eine zehnjährige Familienplanung als Maßnahme für die Bevölkerungspolitik umzusetzen. Dieses Anliegen konnte jedoch nur bedingt realisiert werden, da es keine ausreichenden Pflegekräfte gab. Eine Konsequenz war schließlich ab 1966 die Einführung der Bildungsstätten für Krankenpflegehilfskräfte als eine Art von Gesundheitspflegehilfskraft. Das bedeutete, dass hochqualifizierte Pflegekräfte aus Korea für den rapide angestiegenen Bedarf an Kranken- und Altenpflegepersonal nach dem Erlass der Rentenreform 1957 und des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) nach Deutschland exportiert wurden. Auf der anderen Seite wurden die fehlenden Fachkräfte und nicht besetzten Arbeitsplätze in den südkoreanischen Krankenhäusern durch Krankenpflegehelferinnen und -helfer besetzt, ein Qualifikationsprofil mit kurzfristiger Ausbildungszeit und weniger Kompetenzen für die Beschäftigten, das in Korea zunächst nur für das deutsche Gesundheitswesen vorgesehen war.
POLITISCHE FOLGEN UND UNBEABSICHTIGTE ERGEBNISSE
Vordergründig wollte die südkoreanische Regierung mit der Entsendung von Arbeitskräften die Arbeitslosigkeit im Land abbauen. Doch die Realität sah anders aus: Durch die Massenabwanderung fehlten nicht nur den medizinischen Einrichtungen in Südkorea qualifizierte Pflegekräfte, sondern die medizinische Versorgung des Landes war insgesamt infrage gestellt.
Und welchen wirtschaftlichen Beitrag leisteten die migrierten Pflegekräfte für die südkoreanische Gesellschaft und ihre Familien? Es gibt keine offiziellen Zahlen über die Gesamtsumme der Überweisungen, die von den Krankenpflegerinnen aus Deutschland nach Korea geleistet wurden. Laut der Statistik des Labor Statistical Yearbook of South Korea (1976), betrug die horrende Summe an Überweisungen zwischen 1964 und 1975 116,4 Millionen Dollar. Im Vergleich dazu betrug 1965 das jährliche Exportvolumen Koreas 175 Millionen Dollar. Außer Frage steht, dass diese Devisen der Krankenpflegerinnen und Bergarbeiter zur rasanten Wirtschaftsentwicklung Südkoreas beigetragen haben. Denn die meisten Frauen überwiesen für lange Zeiträume den Großteil ihrer Löhne an ihre Familien in Südkorea. Der Durchschnittslohn in Deutschland war vier- bis fünffach höher als der in Südkorea. Diese Fälle werden immer wieder öffentlich aus der Perspektive der Eltern in der südkoreanischen Gesellschaft erzählt. Mit dem Geld der Schwestern oder Töchter konnten Ochsen oder Häuser gekauft oder der Schulbesuch oder das Studium jüngerer Geschwister finanziert werden. Bislang wurde der ökonomische Beitrag der Pflegekräfte lediglich in Bezug auf Südkorea betont. Der Beitrag, den sie für die deutsche Gesellschaft leisteten, fand bisher nicht genügend Beachtung.
Als »unbeabsichtigte« Ergebnisse lassen sich folgende Dinge nennen: Die kurzzeitige Ausbildung der Krankenpflegehelfenden wurde für die Krankenpflege ausgeweitet und die Pflegekräfte in großem Umfang ausgebildet, um den Pflegenotstand in Südkorea auszugleichen. Veranlasst durch das Kultus- und Bildungsministerium wurde die Zahl der offiziell jährlich Auszubildenden von 900 auf 3.900 erhöht. Zu diesem Zweck wurde beschlossen, die Platzzahl des Fachbereichs für Krankenpflege aufzustocken und zusätzlich in den Provinzen, in denen noch Fachoberschulen für Krankenpflege fehlten, neue zu errichten. In den Krankenpflegeschulen wurde so die Platzzahl auf mehrere Tausende erweitert und jeder Jahrgang in den Krankenpflegeschulen um eine Klasse aufgestockt. Durch diese Maßnahmen konnte kurzfristig die Zahl der Krankenpflegenden rapide angehoben und die vakanten Stellen besetzt werden.
Um dem Mangel an Pflegekräften etwas zu entgegnen, wurde seit 1966 zudem die Ausbildung zu Krankenpflegehelfenden auch durch private Institutionen betrieben. Das war der Beginn dieses Berufsbildes in der südkoreanischen Gesellschaft und es stellte eine Ausdifferenzierung des Berufsfeldes der Krankenpflege dar. Dieser Entwicklung standen aber auch kritische Meinungen, vor allem aus dem medizinischem Bereich gegenüber. Durch den anglo-amerikanischen Einfluss im Ausbildungssystem der Krankenpflege in Südkorea wurden die Krankenpflegekräfte in Oberschulen für Krankenpflege oder an Universitäten ausgebildet. Durch die Ausbildung von Krankenpflegehelfenden sah man dieses Ausbildungsprofil infrage gestellt. Befürchtet wurden Qualitätsverluste in der Pflege, wenn Pflegehelferinnen und Pflegehelfer auf der Basis eines Hauptschulabschlusses und mit einer Ausbildungsdauer von wenigen Monaten beziehungsweise bis zu einem Jahr in den Kliniken neben qualifizierten Fachkräften eingesetzt wurden. Erst 1973 wurde die Krankenpflegehilfe als medizinischer Berufsabschluss in Südkorea anerkannt. Gegenwärtig werden Personen mit einem Schulabschluss, der dem Oberschulabschluss (Sekundarstufe II) entspricht, zur Ausbildung zugelassen und können das Zertifikat erst nach dem Abschluss in Bildungseinrichtungen für Krankenpflegehilfe mit Praxiserfahrungen erwerben. Der Antrieb für diese Entwicklung war letztlich die Entsendepolitik in die BRD, wodurch schließlich der Beruf der Krankenpflegehelfenden in Südkorea neu entstanden ist.
Interessant ist auch, dass die Krankenpflegerinnen, die nach Südkorea zurückkehrten, auf der Basis ihrer Erfahrungen in deutschen Krankenhäusern die Notwendigkeit der fachlichen Grundpflege in das südkoreanische Krankenhaussystem einbrachten. Denn in Südkorea assistieren Krankenpflegende den Ärztinnen und Ärzten und übernehmen Aufgaben der medizinischen Versorgung wie unter anderem die Vergabe von Arzneien und Spritzen und Blutdruckmessungen. Dagegen wurde die grundlegende Pflege den Pflegebedürftigen persönlich oder ihren Familienangehörigen überlassen. In den Krankenhäusern der Bundesrepublik der 1960er und 70er beinhaltete ein Teil der Dienste der Krankenpflegerinnen die Grundpflege wie Waschen, Baden, Mahlzeiten anreichen oder Kleiderwechsel etc. Dieser Bereich wurde dann in Südkorea aufgeteilt und zum eigenständigen Beruf der Pflegehelfenden ausgestaltet, als ab 1965 Bezeichnungen wie Krankenpflegehilfe oder Altenpflegehilfe in den offiziellen Schreiben der Bundesregierung auftauchten.
Südkorea wirbt seit den 1990er Jahren Arbeitskräfte aus Südostasien und anderen Regionen an und entwickelte sich damit selbst von einer Entsende- zu einer Empfängergesellschaft. Zu dieser Zeit wurden Fälle bekannt, bei denen die Menschenrechte von Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten schwer verletzt wurden. Diese Diskriminierungen wurden in Korea gerade auch von Krankenpflegerinnen öffentlich angesprochen, die in den deutschen Krankenhäusern gearbeitet hatten. Sie zeigten auf, dass sie trotz ihres Status als Arbeitsmigrantinnen in Deutschland unter den gleichen Arbeitsbedingungen wie ihr deutsches Kollegium gearbeitet hatten.
Nicht zu unterschätzen ist der politische Beitrag, den die Krankenpflegerinnen für die Demokratisierung Südkoreas geleistet haben. Dieser ist auch heute noch in der südkoreanischen Gesellschaft kaum bekannt. Denn die koreanischen Krankenpflegerinnen, die ab Mitte der 1960er Jahre in der BRD ankamen, hielten sich mittel- und langfristig in Deutschland auf und erlebten so die soziokulturellen Umbrüche in der BRD nach der 68er-Bewegung. Sie leiteten hier eigenständig gesellschaftliche Bewegungen. Unter anderem kämpften sie gegen die Zwangsabschiebung aus Deutschland, für Aufenthaltsberechtigungen und gründeten die »Koreanische Frauengruppe in Deutschland«. Auf dieser Grundlage solidarisierten sie sich mit der Arbeiterinnenbewegung in Südkorea, die durch die Militärregierung in den 1970er und 1980er Jahren unterdrückt wurde und unterstützten sie aktiv. Als ein weiteres Beispiel kann die Solidaritätsbewegung mit den Arbeiterinnen von Flair Fashion, hinter dem der deutsche Textilkonzern Adler steht, in Iri im Süden Koreas genannt werden. Darüber hinaus trugen sie zur südkoreanischen Demokratisierung bei, indem sie die Organisationen dieser Bewegung, wie zum Beispiel politisch stark unterdrückte Gewerkschaften, mit Informationen und materieller Unterstützung versorgten.
