Wie bist du damals von Nordkorea nach China geflohen? Könntest du dich kurz vorstellen?
Ich heiße Kim Jae-Hyeong [Name geändert, Anm. der Red.]. Mit 17 Jahren floh ich von Nordkorea nach China. Zuvor wohnte ich in einer Stadt, die an der Grenze zu China liegt. Deshalb konnte ich seit meiner Kindheit beobachten, wie sich China wirtschaftlich veränderte. Als ich Grundschüler wurde, sah ich neugebaute moderne Hochhäuser in China. Damals schon merkte ich, dass es China immer besser geht und Nordkorea wohl in der Weltrangliste nach unten gerutscht ist. Seit 1994/95 ging es der nordkoreanischen Wirtschaft schlecht, weil das staatliche Versorgungssystem zusammenbrach und so viele Menschen verhungerten. Es war so schlimm, dass viele in den Wald gingen, um etwas zum Essen zu finden. Als ich mir heimlich eingeschmuggelte Filme aus Südkorea ansah, wurde mir klar, dass Südkorea noch reicher ist als China. Ich begann ab der 10. Klasse davon zu träumen, eines Tages die Außenwelt kennenzulernen.
Wie gefährlich war es für dich, Nordkorea zu verlassen?
In den Jahren 1998/99 begannen viele Menschen, im Grenzgebiet zu China aus Nordkorea zu flüchten. Zuvor konnte sich niemand im Traum vorstellen, aus Nordkorea ins Ausland zu fliehen, da man befürchten musste, als Verräter oder Spion zu 20 bis 30 Jahren Gefängnis verurteilt zu werden oder schlimmstenfalls sogar mit der Todesstrafe rechnen musste.
Aber die vielen Menschen, die nach China flüchteten, konnte selbst die nordkoreanische Regierung nicht einfach töten. So wurden die Leute, die aus Hungersnot nach China flohen und zurückkehrten, nach ein paar Monaten wieder freigelassen. Da dachte ich mir, dass es eigentlich keine große Sache sei, nach China zu flüchten, wenn man im Fall, erwischt zu werden, nach ein oder zwei Monaten wieder freigelassen wird. Mit dem Abschluss der Oberschule (entspricht der 12. Klasse) sagte ich einem Freund von mir, »Ich habe etwas über die Außenwelt im Radio gehört und möchte nach China gehen, weil es direkt vor der Nase liegt. Kommst du mit?« So gingen wir an die nordkoreanisch-chinesische Grenze des Fluss Tumen. Aber der Freund von mir traute sich nicht und ging nach Hause zurück. Und ich überquerte allein den Fluss und ging nach China.
Bist du durch den Fluss geschwommen?
Ja, ich bin da durchgeschwommen. Ich wusste, wann die Grenzsoldaten Mittagspause haben und der Wachposten leer ist. Deshalb konnte ich leicht planen, wann und wo es am besten passt. Das Schwimmen dauerte nicht einmal zehn Minuten, weil man eine ganze Strecke im Fluss zu Fuß laufen kann. Es gibt eine Stelle am Grenzfluss, an der die Strömung schwach ist. So kann man ohne große Mühe rübergehen.
Beim ersten Mal in China wurdest du aber erwischt und nach Nordkorea zurückgeschickt. Wie kamst du ungestraft davon?
Als ich das erste Mal in China war, wurde ich ein paar Monate später festgenommen und nach Nordkorea zurückgeschickt. Ich landete dann beim Staatssicherheitsdienst, aber dank meines Vaters wurde ich nach der Untersuchung freigelassen. Für die Eltern ist ein Fluchtversuch des Sohnes eine große Schande, da ihnen vorgeworfen wird, ihre Kinder falsch erzogen zu haben. Als mich mein Vater beim Sicherheitsdienst abholte, beschimpfte er mich vor allen anderen und schlug mich sogar. Ich fürchtete, zu Hause würde er mich noch mehr bestrafen, aber überraschenderweise fragte er mich stattdessen: »Wie war denn die Außenwelt?« Ich erzählte alles, was ich in China erlebt hatte. Mein Vater sagte zu mir: »Dein Leben hängt von dir ab, wir als Eltern haben alles für dich getan, nun lebe dein Leben, wie du es haben willst!« So entschied ich mich für eine erneute Flucht!
Erzähl mir von deinem zweiten Fluchtversuch!
Die zweite Flucht plante ich sorgfältiger als beim ersten Mal. Dieses Mal besorgte ich mir im Vorfeld Geld zum Mitnehmen. Außerdem floh ich zusammen mit einer Frau, die sehr gut Chinesisch sprach. Die Frau kam als Kind zur Zeit der Kulturrevolution von China nach Nordkorea. Ihre Schwestern und Brüder blieben in China zurück. Wenn ich ihr bei der Flucht helfe, würde sie mir im Gegenzug in China helfen, Jobs zu finden und ohne Probleme dort zu leben. Ich hatte damals ein paar befreundete Soldaten bei der Grenzwache. Einer von ihnen zeigte mir, wann der Wachposten leer war. Wir folgten ihm bis zur Grenze, ohne in Gefahr zu sein, und überquerten den Fluss auf einer Eisscholle; es war ja Winter. Drei Schwestern von ihr wohnten in der Provinz Heilongjiang und eine wohnte in der Provinz Jilin. Sie empfingen uns sehr freundlich. Nach ein paar Monaten kehrte die Frau mit dem Geld von ihren Schwestern zu ihrem Ehemann und ihren Kindern nach Nordkorea zurück.
Wie bist du alleine in China zurechtgekommen?
Einer ihrer Verwandten bot mir einen Job an, außerdem lernte ich nach einem Monat südkoreanische Missionare kennen. Ich nahm mit anderen jugendlichen Geflohenen aus Nordkorea etwa ein Jahr lang an ihren Bibelkursen teil. Gleichzeitig erkannte ich, dass es notwendig ist, so schnell wie möglich Chinesisch zu lernen, um in China sicher weiterleben zu können. So habe ich ungefähr ein Jahr lang Chinesisch gelernt. Ich lernte die Sprache wirklich fleißig. Ein Missionar kam gerade nach China, um dort langfristig tätig zu sein, und schlug mir vor, mit ihm zusammenzuwohnen, weil ich mittlerweile einigermaßen Chinesisch konnte. Etwa drei Jahre lang konnte ich so meine Zeit sinnvoll verbringen, indem ich Englisch und den Umgang mit einem Computer lernte. Außerdem wurde ich weiterhin von einem chinesischen Studenten in Chinesisch unterrichtet. Bis dahin kam ich nie auf die Idee, nach Südkorea zu gehen, weil ich befürchtete, dadurch meine Familie zu gefährden. So wollte ich eigentlich nur eine Weile in China bleiben und dann nach Nordkorea zurückkehren.
Warum hast du dich dann doch für eine Flucht nach Südkorea entschieden?
Eines Tages wurde der Missionar leider von der chinesischen Polizei festgenommen und nach Südkorea zurückgeschickt. Die Wohnung war auf seinen Namen mit einem südkoreanischen Pass gemietet, deshalb konnte ich ohne ihn nicht länger in China bleiben. So machte ich mich 2005 mit zwei Erwachsenen aus Nordkorea, die ich in China kennengelernt hatte, auf den Weg und gelangte nur mit einer Landkarte ausgestattet an die Grenze zu Myanmar. Wir hatten gehört, dass man in Myanmar nach Südkorea geschickt wird, auch wenn man als Nordkoreaner festgenommen wird, da es in Myanmar keine nordkoreanische Botschaft gibt. In Myanmar mussten wir ziemlich viel durchmachen und gingen schließlich selbst zur Polizei, damit wir schneller mit der südkoreanischen Botschaft in Kontakt treten konnten. Wir erzählten der Polizei, dass wir aus Südkorea kämen und unsere Pässe verloren hätten, und fragten, ob wir mit der südkoreanischen Botschaft sprechen könnten. Das war ein großes Glück! Denn die Beamten der südkoreanischen Botschaft haben uns tatsächlich da rausgeholt, obwohl sie wussten, dass wir Nordkoreaner sind.
Wie war deine Anfangszeit in Südkorea? Wie kamst du zum Studium?
Von der südkoreanischen Botschaft in Myanmar reiste ich 2006 nach Südkorea. Ich hegte die Ambitionen, zu studieren. Dafür gab es viele Möglichkeiten wie zum Beispiel Alternativschulen für Jugendliche aus Nordkorea, in denen man sich für die Zulassung zur Universität vorbereiten konnte. Wenn man gute Noten hatte, gab es sogar Aussicht auf Stipendien und Lebensunterhalt. Ich kam aber zu einer Alternativschule, die sich nicht auf das Lernen konzentrierte, sondern eher auf die kulturellen Erfahrungen. Wir spielten und reisten viel, spielten auch Theater und traten auf. Das hat mir ein Jahr lang ziemlich viel Spaß gemacht.
Zwei Jahre nacheinander habe ich mich dann für ein Studium beworben, bin aber leider beide Male durch die Prüfungen gefallen. Ich beschloss daher, konzentriert zu lernen. Etwas mehr als ein Jahr lang lernte ich wirklich Tag und Nacht ununterbrochen und schaffte es, die Prüfungen zu bestehen, so dass ich schließlich mein gewünschtes Fach an einer namhaften Universität studieren konnte. Ich bin also 2006 in Südkorea angekommen, habe aber erst 2009 mit dem Studium begonnen.
Wie entstand die Gruppe »With U«? Wie seid ihr berühmt geworden?
An meiner Uni gab es bereits regelmäßige Treffen von Studenten aus Nordkorea. Ein Professor hatte dort eine Gruppe für nordkoreanische Geflüchtete gegründet. Nachdem ich zum Gruppensprecher gewählt wurde, bekamen wir verschiedene Anfragen oder Einladungen zu Konferenzen von südkoreanischen Studentengruppen oder zu anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Später wurde ich auch zum Sprecher für die Bibel-Gruppe der 30 bis 40 nordkoreanischen Geflüchteten gewählt. Dort traf ich dann die zukünftigen Mitglieder der Gruppe »With U«, die wir damals gründeten.
Ich traf dort Freunde, die ein paar Jahre älter waren als ich und mit denen ich mich gut darüber unterhalten konnte, warum wir nach Südkorea kamen, was Nordkorea für uns bedeutete, ob wir eines Tages wieder nach Nordkorea zurückgehen sollten und was wir dort machen würden. Wir diskutierten die ganze Nacht. Dabei kamen wir auf die Idee, eine Gruppe zu gründen. Das war 2011. Und 2013 schloss ich mein Studium ab.
Welches Bild hattest du von Südkorea, als du in Nordkorea gelebt hast? Haben sich deine Vorstellungen bestätigt?
Durch die Informationen, die ich über Video und Radio zu Südkorea bekam, dachte ich bloß, dass Südkorea reicher sein müsse als Nordkorea. Dabei konnte ich mir aber noch kein Bild davon machen, ob das System nun sozialistisch oder kapitalistisch ist und worin überhaupt der Unterschied besteht. Erst in China sah ich viele Nachrichten und auch Berichte über Südkorea im Internet. Dadurch relativierten sich meine Fantasien und ich erhielt einen halbwegs objektiven Blick auf Südkorea. Ehrlich gesagt, hätte ich gar nicht nach Südkorea einreisen wollen, wenn ich weiterhin in China hätte leben können. Das war wohl auch der Grund, dass ich nicht groß enttäuscht werden konnte, als ich in Südkorea einreiste.
Welches Bild über Südkorea wurde in nordkoreanischen Schulen vermittelt?
Südkorea stehe unter der Herrschaft der USA, es gäbe dort viele Bettler, wir sollten die USA aus Südkorea vertreiben und die arme südkoreanische Bevölkerung retten. So wird man ab der ersten Klasse der Grundschule an unterrichtet. Was ich aber in Fernsehserien aus Südkorea gesehen hatte, war total anders. Ich sah unglaublich toll eingerichtete Wohnungen, die nicht mit unseren zu vergleichen waren. Deshalb glaubte ich nicht, was täglich in der Schule unterrichtet wurde, und daher nahm auch das nordkoreanische Schulsystem keinen allzu großen Einfluss auf mich.
Wie sieht es bei anderen Geflüchteten aus Nordkorea aus? Gibt es da Enttäuschungen, weil die Realität anders aussieht als in den südkoreanischen TV-Serien?
Ja, es gibt viele. Nur wenige hatten so wie ich die Gelegenheit, in China für einige Jahre mit südkoreanischen Medien in Berührung gekommen zu sein. Die Menschen, die sich in China eine Weile aufhielten, haben weniger hohe Erwartungen an ihr Leben in Südkorea. Wenn sie dann endlich in Südkorea ankommen, wissen sie sehr genau, was auf sie zukommt. Wenn man aber mit zu großen Erwartungen nach Südkorea kommt und denkt, dass der Staat alles für uns Geflüchtete tut, ist die Enttäuschung sehr groß.
Was war für dich persönlich am schwierigsten daran, in der südkoreanischen Gesellschaft zu leben?
Anfangs musste ich mich erstmal an die südkoreanische Gesellschaft gewöhnen und viel studieren. Deswegen habe ich nicht so oft an meine Eltern gedacht, aber seit einiger Zeit wird meine Sehnsucht nach den Eltern in Nordkorea immer stärker. Manchmal überfällt mich die Angst, dass Korea in naher Zukunft nicht wiedervereinigt wird, und dass ich dann meine Eltern nie wiedersehen kann. Manchmal träume ich aber auch davon, meine Eltern eines Tages wiederzusehen, und dass wir dann zusammen eine Reise nach Europa machen, denn der Traum meines Vaters war immer schon eine Europa-Reise. Nun tut mir mein Herz weh und ich empfinde große Schmerzen, dass ich nichts für sie tun könnte, wenn wir uns nicht wiedersehen würden.
Obwohl ich in Südkorea schon mehr als zehn Jahre lebe, kann ich nicht behaupten, feste Wurzeln geschlagen zu haben. Geflüchtete Freunde aus Nordkorea sagen mir aber, das Gefühl werde sich ändern, wenn man erstmal hier geheiratet hat und eigene Kinder zur Schule schickt.
Glaubst du, dass man sich in Südkorea selbst verwirklichen kann, dadurch, dass man viel mehr Freiheiten hat als in Nordkorea?
Ja, so ist es. Ich hätte mich mit meinem Charakter in Nordkorea sehr schwergetan. Ich bin ein sehr neugieriger und ungeduldiger Mensch, der seine Gedanken schnell in die Tat umsetzen muss. Vielleicht hätte ich mit solchen Eigenschaften im Gefängnis landen können, weil ich anders denke, als das, was man in der Schulen vermittelt bekommt. Als Kleinkind war ich schon frei und stur, deshalb wussten meine Eltern, dass ich mich im Erwachsenenalter schwertun werde, in Nordkorea zurechtzukommen. Es war schon gut, dass ich hier herkam. Ja, in der Tat.
Wie denkst du über die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea?
In erster Linie sollte sich die nordkoreanische Wirtschaftslage verbessern. Dazu sollte sich China weniger einmischen und die USA sollten sich kooperativ darum bemühen, ein internationales Umfeld für die Wiedervereinigung zwischen Nord- und Südkorea zu schaffen. Eine Wiedervereinigung auf gleicher Augenhöhe wäre wohl die beste Art mit den geringsten Nebenwirkungen. Andernfalls wäre es wohl eher ein Einverleiben als eine Wiedervereinigung. Es wäre am idealsten, wenn beide Seiten gleichberechtigt auftreten, was aber momentan unmöglich zu sein scheint.
Haben deine Eltern Schwierigkeiten wegen deiner Flucht aus Nordkorea bekommen? Habt ihr noch Kontakt zueinander?
Sie bekamen wohl keine großen Schwierigkeiten, sind aber sehr vorsichtig. Wir hatten bis zum letzten Winter über verschiedene Leute Kontakt gehabt, aber meine Eltern meinten, dass ich lieber keinen Kontakt mehr zu ihnen suchen soll. Daher denke ich, dass sie beobachtet werden. Seither haben wir keinen Kontakt mehr.
Die letzte Frage. Was sind deine schönsten Erinnerungen an Nordkorea?
Mein Vater ging oft auf Geschäftsreisen und nahm auch an den Sitzungen des Zentralkomitees teil. Manchmal nahm er mich mit. In den Schulferien, ja, das war die schönste Zeit. Die Sachen einpacken und mit dem Zug fahren. In Nordkorea dauern die Zugfahrten sehr lange. Mit meinem Vater aß ich im Zug leckere Sachen. Am Zielort angekommen, verbrachte ich mit ihm zehn oder fünfzehn Tage. Ja, das war für mich die schönste Zeit.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Jungin Lee.
ZUSATZINFO:
Über »With U« : Etwa 30.000 Menschen flüchteten in den letzten zwanzig Jahren von Nord- nach Südkorea. Zahlreiche Verbände entstanden, jedoch keine aus eigener Initiative. 2011 gründeten junge Berufstätige im Alter von 20 bis 30 Jahren den Verein »With U« (You & Unification). Er soll aus eigener Kraft demokratisch geführt werden und eine »Brücke zur Wiedervereinigung« bilden. Die Mitglieder fördern jüngere Geflüchtete durch Stipendien, halten Vorträge über die Geschichte Koreas für das Zeitalter der Wiedervereinigung und treten als Chor im In- und Ausland auf. Vor zwei Jahren entsandte die Gruppe »With U« durch ihre Konzerte auf der Insel Dokdo im Ostmeer Koreas und an der Harvard-Universität ihren Wunsch nach Wiedervereinigung in die ganze Welt.