Nordkorea nach Kim Jong-Il: Die Kim Jong-Un-Ära und ihre Herausforderungen

Rüdiger Frank ist Professor für East Asian Economy and Society an der Universität Wien.
Dieser Artikel ist erstmals 2012 in der Printausgabe vom Koreaforum 21 erschienen.

Der unerwartete Tod Kim Jong-Ils im Dezember 2011 ließ seinen 29-jährigen Sohn Kim Jong-Un zur mächtigsten Figur Nordkoreas werden. Welche Perspektiven für einen möglichen Wandel sich durch den Wechsel ergeben, worauf Kim Jong-Uns Macht beruht und welche Hürden dem jungen Diktator im eigenen Land im Weg liegen könnten, erläutert Rüdiger Frank.

EINLEITUNG 

Dieser Artikel wurde im frühen Januar 2012 verfasst, nur wenige Wochen nach dem plötzlichen Tod Kim Jong-Ils und dem Aufstieg seines dritten Sohnes Kim Jong-Un auf den höchsten Posten in der DPRK (alias Nordkorea). Er versucht, einige diesen Prozess betreffende Schlüsselfragen zu beantworten und gibt eine erste Einschätzung; natürlich wurde er mittlerweile von neueren Ereignissen eingeholt. Nichtsdestotrotz stellt der Artikel eine brauchbare Momentaufnahme dar, die die Stimmung in Nordkorea und unter internationalen Korea-Expert*innen wiedergibt und der einige allgemeine Trends und Probleme umreißt, die uns in den kommenden Jahren noch begleiten werden. Und vor dem Hintergrund jüngster Ereignisse (Stand April 2012), wie etwa die ergänzende Errichtung einer Kim Jong-Il-Statue neben der bereits existierenden seines Vaters am Mansudae-Hügel, oder eine ähnliche Adaptierung der Anstecker, die nordkoreanische Bürger über ihren Herzen tragen, nehmen meine Bemerkungen zu den Quellen ideologischer Stabilität besondere Bedeutung an. 

Das grundlegende methodologische Gerüst umfasst sechs zentrale Anforderungen, die für das Studium Nordkoreas notwendig sind: Verwende deinen gesunden Menschenverstand; nimm universelles Wissen und Meta-Theorien zu Hilfe; kenne das System; kenne Korea als Ganzes; kenne deine Quellen und verpflichte dich zu einem intensiven Studium des Landes. Für weitere Details, siehe die frühere Version dieses Artikels unter http://www.japanfocus.org/-Ruediger-Frank/3674 

HAT KIM JONG-UN DIE MACHT UND WIRD ER DIESE AUCH BEHALTEN? 

Hier hilft einem der gesunde Menschenverstand nicht viel weiter. Kim Jong-Un ist der Sohn von Kim Jong-Il, aber lediglich sein dritter Sohn. Nordkorea ist keine Monarchie, obwohl wir nichtsdestotrotz eine Nachfolge in der dritten Generation erleben. Kim Jong- Un wurde als der Nachfolger angekündigt und ihm wurde eine führende Rolle zugeteilt, er ist aber sehr jung und unerfahren. Die Liste der sich widersprechenden Fakten kann fortgesetzt werden, deshalb ist es wohl besser, sich einer strukturierteren Analyse zuzuwenden. 

Gregory Hendersons Studie der koreanischen Politik deutet darauf hin, dass das Aufkommen von alternativen Machtzentren relativ unwahrscheinlich ist 1 Henderson, Gregory (1968): Korea. The Politics of the Vortex. Harvard University Press . Stattdessen können wir davon ausgehen, dass verschiedene Einzelpersonen und Gruppen um die Erlangung der Kontrolle des Zentrums konkurrieren werden. Noch vor Kim Jong-Ils Tod schlug mir Karoly Fendler – ein langjähriger und scharfsinniger ungarischer Diplomat, der bereits Jahrzehnte von Erfahrungen in Nordkorea gesammelt hat – in einer privaten Unterhaltung [die Möglichkeit] eines Triumvirats vor: Kim Jong-Il und sein Sohn wären dabei verantwortlich für Armee und Ideologie gewesen, Kim Yong-Nam für Zeremonielles und Choe Yong-Rim für die Wirtschaft. [Eine solche Konstellation] macht in vielerlei Hinsicht Sinn: kaum ein Führer herrscht im Alleingang. 

Kim Jong-Un wird also die Macht teilen, aber er wird zugleich vom System als alleiniger Herrscher gebraucht. Brian Myers zeigt auf, dass die Koreaner eine gewisse Vorliebe für elterliche Führer haben und was noch wesentlicher ist, dass der Staat als solcher in keinerlei Legitimitätskrise zu stecken scheint2 Myers, Brian R. (2011): ‘North Korea’s State-Loyalty Advantage’, Journal of Inter- national Affairs, Fall/Winter, Vol. 65, No. 1., S. 115-129 . Auf die gleiche Art argumentiert Cheong Seong-Chang, wenn er meint, dass wir anstelle einer kollektiven Führung das Aufkommen eines weiteren Ein- Personen-Herrschaftssystems sehen werden3 JEONG Seoungjang : 2012nyeon Buk-han Jeongse Jeonmang, Jeongse-wa Jeong- chaek 2012nyeon 1wol-ho http://www.sejong.org/pub_ci/PUB_CI_DATA/k2012- 01_6.PDF

Meine eigene Einschätzung weicht davon ein wenig ab. Es ist wahr: Jetzt, da das Machtvakuum nach Kim Jong-Ils Tod so schnell und gewaltig von Kim Jong-Un gefüllt wurde, wird er der Mann im Rampenlicht sein. Doch zumindest während der nächsten paar Jahre wird er nicht die Kapazität haben, das Land zu kontrollieren, ohne dabei nicht massiv auf die Unterstützung von mächtigen Personen bauen zu müssen. Ich stimme dabei mit Andrei Lankov überein, der einen Machtkampf in Nordkorea erwartet und zwar eine Stufe unterhalb von Kim Jong-Un: »(…) wir werden womöglich schon bald Berater und Funktionäre um die Macht hinter dem Thron ringen sehen und dieser Kampf könnte sogar sehr gewalttätig werden.«4 Lankov, Andrei: ‘It’s not all change in Pyongyang’, Asia Times Online, 5. Jan. 2012, http://www.atimes.com/atimes/Korea/NA05Dg01.html Tatsächlich glaube ich, dass die eiligen Bemühungen, Kim Jong-Il posthum auf denselben Status wie seinen Vater Kim Il-Sung zu heben, etwas zu spät kommen. Dies sei, wie die Führung wohl dachte, die einzige Wahl, die sie nach dem Tod ihres obersten Mannes hatte; doch ist es zugleich auch nur die zweitbeste Lösung. Kim Jong-Il wusste sehr genau, warum er zu Lebzeiten eine wirkliche Übernahme vermied. Seine Legitimität baute beinahe ausschließlich darauf auf, dass er der einzige Prophet seines überlebensgroßen Vaters Kim Il-Sung war. Als solcher wurde er akzeptiert und war unanfechtbar. Kim Jong-Il hatte gute Gründe dafür, keine Statuen von sich selbst zu errichten und seinen Namen nicht für Straßen, Plätze etc. herzugeben.

Das Land von Kim Il-Sung: das ist es, was die meisten Nordkoreaner ohne zu zögern unterstützen, wie auch Überläufer aus dem Norden bestätigen. Kim Il-Sung hat das Land von den Japanern befreit und einen glorreichen Sieg gegen die amerikanische Aggression während des Koreakrieges errungen. Das ist es, was den Menschen erzählt wurde, daran glauben sie und das ist es auch, was in ihren Augen Kim Il-Sung jegliches Recht gab, über das Land zu regieren, das er eigenhändig erschaffen und beschützt hat. Nicht zuletzt hatte er ja die alte Garde seiner loyalen Anhängerschaft um sich. Teile dieser alten Garde waren im Jahr 1994 noch am Leben und befanden sich in Positionen der Macht. Doch die Zeit zeigt nun ihre Spuren: Ihre Plätze wurden mittlerweile von der nächsten, viel gebildeteren Generation übernommen, die unter normalen Umständen aufwuchs. Jetzt steht sogar schon die dritte Generation in den Startlöchern, die Karriere-orientierten Kinder von Apparatschiks. Können diese die bedingungslose, grimmige persönliche Loyalität der Kapsan-Fraktion reproduzieren? Oder ist ihre größte Sorge der Erhalt eines Systems, das sie geformt hat und von dem sie profitieren? Ohne Zweifel können beide Arten von Loyalität zum selben Ergebnis führen, nämlich zur Unterstützung des Führers. 

Aber letztere Form ist den Alternativen gegenüber offen. Seit Mitte der 1970er Jahre wurde Kim Jong-Il über zwei Jahrzehnte hinweg als die einzige Person weltweit beworben, die vollkommen die Weisheit von Kim Il-Sung verstehen konnte, die ihn auf vielen Reisen durch das Land begleitete, die von ihm gelernt hat, die ihm assistierte und die schließlich demütig seine Arbeit fortsetzte. Kim Jong-Ils Position nach 1994 war schwächer als die seines Vater, er konnte aber dennoch überzeugend von sich behaupten, dass er die einzige logische Wahl für die Fortsetzung eines Weges und einer Führung darstellte, die zum größten Teil unbestritten und über jeden Zweifel erhaben war. Und er konnte darauf bauen, dass die alte Garde ihn dabei unterstützte. 

Man muss kein Nordkorea-Experte sein um zu erkennen, dass dasselbe Ausmaß von Legitimität nicht einfach auf Kim Jong-Un übertragen werden kann. Kim Jong-Il hat nicht gegen Japan gekämpft, aber zumindest wurde er (angeblich) am Baekdu-Berg geboren. Kim Jong-Il war während seiner Karriere lange Zeit ein Mond, keine Sonne. Er leuchtete, weil Kim Il-Sung auf ihn schien und er sein Licht zurückwarf. Das war ein Teil des »Textes«, wie Brian Myers es nennt. 

WIE KANN EIN MOND DIE NÄCHSTE GENERATION EBENSO HELL BELEUCHTEN WIE DIE SONNE ES EINST KONNTE? 

Das Problem dabei ist, dass selbst Diktatoren Legitimität benötigen. Die logische Wahl wäre es gewesen, die zwei ewigen Führer, Vater Kim Il-Sung und Sohn Kim Jong-Il, auf unendliche Zeit in einen Schrein einzuschließen und ein System zu schaffen, das von sich selbst behauptet, das gemeinsame Erbe am perfektesten bewahren zu können. Dies würde ein Kollektiv von Bevollmächtigten benötigen, die sich primus inter pares auf ihre Helme schreiben könnten, ganz ähnlich wie Chinas Zentralkomitee und der Generalsekretär der Partei, oder die katholische Kirche und der Papst. Gott und Jesus, Allah und Mohammed, Lenin und Stalin – Religion und Geschichte kennen relativ erfolgreiche Beispiele, in denen schon nach einem Nachfolger eine neue Modalität der Führung gewählt wurde. Doch Kim Jong-Ils frühzeitiger Tod bedeutet, dass jetzt ein Ausweichplan zum Zug kommt – hastig, mit Wucht und übereilt. Plötzlich hören wir von Kim Jong-Ils Land, von der Notwendigkeit, ihm zu Ehren eine Statue zu errichten, davon, dass Kim Jong-Un Kim Jong-Il sei, dass Kim Jong-Un der höchste Führer von Partei, Staat und Militär sei. Aber wird all das ausreichen? Die nordkoreanische Bevölkerung besteht nicht aus hirnlosen Robotern: sie ist gut gebildet und hart im Nehmen. Die Elite hat in den letzten Jahren Selbstbewusstsein und Macht entwickelt. Sie weiß, dass ihr Land Probleme hat und sucht verzweifelt nach einer Lösung. Und bisher hatten sie wenig Anlass dazu, in Kim Jong-Un den richtigen Mann für diese Aufgabe zu sehen. Natürlich werden sie ihm folgen und Respekt zeigen, aber wird ihr Glaube an den neuen Führer so ernst gemeint sein, wie er früher einmal war? 

WORAUF BAUT KIM JONG-UNS LEGITIMITÄT AUF? 

Jeder Führer, in jedem politischen System, braucht Legitimität, um seinen Machtanspruch aufrechterhalten zu können. Nicht zufällig hat Max Weber5 Weber, Max (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 122 vorgeschlagen, dass der Legitimitätsanspruch als einziges Kriterium zur Klassifikation von verschiedenen Herrschaftsformen dienen soll. Es wäre tatsächlich naiv zu glauben, dass es lediglich eines Artikels in der Rodong Sinmun bedarf, um zu beweisen, dass alle damit aufhören, Fragen zu stellen und stattdessen einfach dem neuen Mann an der Spitze folgen. 

Legitimität in autokratischen Systemen ist eine heikle Angelegenheit. Es ist schwer, sie sich anzueignen und ihr mangelt es zudem an einem Mechanismus der ständigen Erneuerung (wie sie etwa die Wahlen in Demokratien darstellen). Merkel6 Merkel, Wolfgang (1999). Systemtransformation. Opladen: Leske+Budrich, S. 25-28 bringt Nordkorea nicht mit einer Monarchie, sondern mit einer kommunistisch-totalitären Unterklassifikation in Verbindung. Bursens und Sinardet7 Bursens, Peter und Dave Sinardet, ‘Democratic Legitimacy in Multilevel Political Systems: The European Union and Belgium in Comparative Perspective.’ Vortrag während der European Union Studies Association 11th Biennial International Conference, 23.-25. Mai 2007, Los Angeles zeigen wiederum, dass es zwei miteinander in Verbindung stehende Seiten von Legitimität gibt. Zusätzlich zu den gewünschten Resultaten ist augenscheinlich eine wichtige Quelle von Legitimität, dass der Entscheidungsprozess inklusive der Wahl der Führung bestimmten anerkannten Regeln folgt. 

Meine eigenen Forschungen bestätigen, dass Legitimität in Nordkorea leistungsorientiert ist und dass dies auch ein bestimmtes Maß an Fügsamkeit in bestehende Regeln und Formalitäten mit einschließt. Deshalb wird Kim Jong-Un auch weiterhin mit dem Titel »stellvertretender Vorsitzender der zentralen Militärkommission der Partei der Arbeit Koreas« angesprochen. Darum ist auch der älteste Sohn Kim Jong-Nam so augenscheinlich unqualifiziert für den Posten: er benimmt sich nicht auf eine Weise, die als ausreichend würdevoll angesehen werden kann. Eine Randbemerkung dazu: mein Verdacht ist, dass dahinter Absicht steht. Denn was ist besser, als der Abkömmling einer reichen und mächtigen Familie zu sein, ohne die Last des tatsächlichen Regierens und der ständigen Konflikte um die Macht hinter der Bühne tragen zu müssen? Eine wirklich kluge Entscheidung… 

Wie bereits dargestellt, baute Kim Il-Sung seinen Machtanspruch auf seinen Heldentaten auf, die etwa die Befreiung Koreas von den Japanern beinhalt sowie den Sieg in einem Abwehrkampf Koreas gegen die Invasion der Vereinigten Staaten. Wie so oft zählt dabei nicht so sehr der eigentliche Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen, sondern vielmehr die Wahrnehmung der Zielgruppe – d.h. der nordkoreanischen Bevölkerung. Kim Jong-Il musste sich ebenfalls das Recht zum Regieren verdienen. Man gab ihm eine Reihe von Aufgaben, mittels derer er beweisen konnte, dass er fähig war. Das waren im Wesentlichsten seine Arbeit in den Filmstudios und die Entwicklung der Juche-Ideologie als Leitprinzip des Landes. Er durchlief eine recht lange Phase der Ausbildung, ehe er während des 6. Parteitages 1980 zum Nachfolger gewählt wurde. Seitdem wurde er als der unermüdliche Arbeiter im Namen des Volkes dargestellt. 

Doch wie steht es mit Kim Jong-Un? Er hatte wenig Zeit, um eine große Leistung zu vollbringen, oder wenigstens zu behaupten, er hätte eine vollbracht, obwohl es unbestätigte Gerüchte gibt, dass er in eine Reihe von militärischen Operationen gegen Südkorea verwickelt gewesen sei. Deshalb konnten wir in den Tagen nach der Verkündung von Kim Jong-Ils Tod auch eine massive, vielschichtige Strategie beobachten, die eine zumindest provisorische Legitimität Kim Jong-Uns aufbauen sollte. Ich kann nur mit Ken Gause übereinstimmen, der sagt: »es scheint so, als habe das Regime eine Blitzkampagne durchgeführt, um ihn als den legitimen Nachfolger seines Vaters darzustellen und dabei jeden Zweifel in der Öffentlichkeit und der Elite auszuradieren, wer denn genau an der Macht sei«8 Gause, Ken E., ‘Kim Jong-Un and Pyongyang’s Signaling Campaign’, 3. Jan. 2012, http://blog.keia.org/2012/01/Kim-chong-un-and-pyongyangs-signaling-campaign/ . Es fing mit seiner Einbeziehung als dem »großartigen Nachfolger« in den offiziellen Nachrufen an. In dem Moment, in dem die Nordkoreaner erfuhren, dass Kim Jong-Il gestorben war, wurde ihnen auch mitgeteilt, wer sein Nachfolger sein würde. Nehmen wir zur Kenntnis, dass Kim Jong-Un in dieser Rolle allerdings nicht zu Lebzeiten Kim Jong-Ils vorgestellt wurde; es war vielmehr die Partei, die als Königsmacher fungierte. Selbst die öffentliche Vorstellung Kim Jong-Uns wurde im Rahmen einer Parteikonferenz vorgenommen. Danach wurde der Bevölkerung ein Gefühl von Schuld eingeimpft. Die Umstände von Kim Jong-Ils Dahinscheiden, während er zu einer weiteren Vor-Ort-Besichtigung unterwegs war, wiesen schon darauf hin, dass er sich für sein Volk buchstäblich zu Tode gearbeitet hat. Die angemessene Reaktion darauf wurde von niemand anderem als der »Associated Press«-Nachrichtenagentur wiedergegeben, der man gesagt hatte: »Wir haben den großen Kim Jong-Il verloren, weil wir unsere Arbeit nicht gut gemacht haben. Wie können wir uns ausruhen?«9 ‘NKorea’s Kim visits tank division on New Year’s’, The Guardian, 1. Jan.2012, http://www.guardian.co.uk/world/feedarticle/10019703 . Dieses Leitmotiv – was koreanisch und nicht [explizit] nordkoreanisch ist – wurde einige Male in der Berichterstattung von KCNA und Rodong Sinmun wiederholt. Besonders bemerkenswert war das Bedauern, das von Bürgern darüber ausgedrückt wurde, dass sie daran gescheitert seien, Kim Jong-Il zu Lebzeiten eine Statue zu errichten. Wir können davon ausgehen, dass Kim Jong-Un dieses Versäumnis sehr bald nachholen wird. Auf jeden Fall aber wurde bald in den Medien von ihm als einem Führer berichtet, der sich persönlich der physischen Bedürfnisse seiner Bürger annahm und etwa Essen und heiße Getränke bereitstellte. Diese kleinen Details haben eine starke symbolische Kraft und versprechen: Kim Jong-Un wird sich um die Konsumwirtschaft kümmern. 

Während der darauffolgenden Tage erhielt Kim Jong-Un verschiedene Titel und Funktionen. Diese beinhalteten etwa: Nachfolger der revolutionären Sache des Juche (Juchehyeongmyeongwieob-ui Gyeseungja). Der, der am Ruder der Revolution steht, der Vorsitzende (Suban) des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Koreas, die Große Sonne des 21. Jahrhunderts (21segi-eui Taeyang), der achtbare Führer unserer Partei, des Staates und der Armee (Uri dang-gwa gukga, gundae-eui yeongmyeonghan Ryeongdoja), und oberster Kommandeur der Koreanischen Volksarmee (Choego Ryeongdoja). Interessanterweise sei letzterer Titel, so hieß es, bereits vor Kim Jong-Ils Tod am 8. Oktober 2011 ausgerufen worden. 

Der einzige formelle Titel, den er jedoch trägt, und der ständig wiederholt wird, ist der des »stellvertretenden Vorsitzenden der zentralen Militärkommission der Partei der Arbeit Koreas«. Bis zum Januar 2012 wurde dann der Titel »Lieber, respektierter Kamerad Kim Jong-Un« zur gebräuchlichen Anrede. 

Das alles war eine Ad-hoc-Reaktion. Ein Blick auf die Häufigkeit der KCNA-Berichterstattung über Kim Jong-Il und Kim Jong-Un lässt erkennen, dass der Abgang des Führers für die nordkoreanische Propaganda-Maschine überraschend kam. Mit der Ausnahme von Juli war der monatliche Durchschnitt der Anzahl von Artikeln, die Kim Jong-Uns Namen erwähnten, bis zum November 2011 weniger als 10, im Vergleich zu 300 Nennungen von Kim Jong-Il. Die Gesamtzahl von solchen Nennungen im Jahr 2011 bis November war 141 für Kim Jong-Un und 3471 für Kim Jong-Il. Das weist darauf hin, dass die Kampagne zur Bewerbung von Kim Jong-Un noch nicht einmal ansatzweise in vollem Gange war. 

KONKURRIEREN DIE PARTEI UND DAS MILITÄR UM DIE MACHT IN NORDKOREA? 

Diese ist eine der am weitest verbreiteten Annahmen über die Machtverteilung in Nordkorea: dass das Militär und die Partei miteinander konkurrieren. Unser Denken scheint eine gewisse Präferenz für einfache Dichotomien zu haben: Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Zivilisten und Militär, Yin und Yang, Süß und Sauer, Frau und Mann und so weiter. Ich fürchte aber, dass diese Präferenz zum großen Teil für die Popularität der »Militär versus Partei«-Theorie verantwortlich ist. Um es geradeheraus zu sagen: Ich bin anderer Meinung. 

Die Gründe dafür sind vielfältig. Zuallererst ist es schwer, sich vorzustellen, dass ein vernunftbegabter Diktator dem Militär erlauben würde, eine politische Macht in seinem Land zu werden. Er wird das Militär als Werkzeug verwenden, er wird militärische Werte wie Hierarchie, das Befolgen von Befehlen und Selbstaufopferung betonen. Alle sozialistischen Gesellschaften, die uns bekannt sind, haben eine militante Sprache benutzt. Sie verfügten alle über ein großes Militär, riesige Budgets (und das war es ja letztlich, was deren Wirtschaften zu Grunde richtete), paramilitärisches Training, eine Vorliebe für Uniformen, Massendemonstrationen und Aufmärsche. 

Nehmen wir zum Beispiel die Sowjetunion: Leonid Breschnew trug oft eine Militäruniform und war umgeben von Generälen. Jedes Jahr wurden auf dem Roten Platz in Moskau Militärparaden veranstaltet, die problemlos jene in Pyongyang in den Schatten stellten. Panzer, Artillerie, gigantische Raketen und im Gleichschritt marschierende Soldaten zogen am einbalsamierten Lenin vorbei. Trotzdem hätten nur wenige Beobachter die Sowjetunion als ein Land bezeichnet, das vom Militär geführt wurde. Durch das Militär geführt, vielleicht, aber doch keine Militärdiktatur. 

Nordkorea ist zugegebenermaßen ein Extremfall; aber es ist eben nicht einzigartig. Ein Teil unserer Wahrnehmungsprobleme hat damit zu tun, dass es seit 1991 das einzige dieser Systeme ist, das noch besteht. Viele von denen, die heute die Paraden auf dem Kim-Il-Sung-Platz sehen, haben keinerlei Erinnerungen an ähnliche Fälle und gewinnen daher leicht den Eindruck, dass nichts dergleichen auf Erden jemals existiert haben könnte. Nun, falsch gedacht. Extrem und »nordkoreanisiert«: Ja. Aber einzigartig: Nein. 

Die meisten erfahrenen Beobachter*innen Nordkoreas stimmen darin überein, dass das Land durch eine Kleptokratie regiert wird. Diese besteht aus einigen wenigen Familien, unter denen sich die von Kim Il-Sung und seinen 50 Gefährten befinden, die das Land zusammen mit ihm Ende 1945 betreten haben. Diese Top-Elite hatte Jahrzehnte lang Zeit, um sich festzusetzen. Sie hat so die Kontrolle über die wichtigsten Machtpositionen übernommen. Diese Familien sind nun in der Partei, im Militär, in den Geheimdiensten, im Staat oder im Parlament. Sie haben untereinander geheiratet, haben Nachwuchs produziert, haben sich vergrößert. Das ist in keinster Weise einzigartig. Im mittelalterlichen Europa etwa war es üblich, dass die Aristokratie unter sich heiratete und dass sie zumindest einen Sohn hatte, der Ritter, und einen anderen, der Priester wurde. In Nordkorea sind es ein und dieselben Familien, die Partei und Militär kontrollieren. Gäbe es also Rivalitäten – und es gibt keine Anzeichen dafür, dass dem so ist – bestünden diese zwischen Familien und nicht zwischen Institutionen. Es stünden also Armee Abteilungen gegen Armeeabteilungen, Parteiführer gegen Parteiführer, Ministerien gegen Ministerien, aber nicht die Armee gegen die Partei. 

Ein weiteres Faktum, das für westliche Beobachter*innen schwer zu verstehen ist, ist der Umstand, dass der Kitt, der Nordkorea zusammenhält, nicht die direkte Repression, sondern vielmehr die Ideologie ist. Damit soll nicht gesagt werden, dass Nordkorea kein im höchsten Maße repressives System darstellt; natürlich ist dem so. Diese Repression ist systematisch und sie ist überall präsent. Aber sie ist nicht das einzige und wahrscheinlich noch nicht einmal das mächtigste Element der Stabilität des Regimes. Es ist kein Zufall, dass Kim Jong-Il ideologische Schwäche als Grund für den Zusammenbruch des Sozialismus in Europa ausmachte. Und tatsächlich ist Nordkorea gerade in diesem Bereich besonders stark. Es hat anti-japanischen und anti-amerikanischen Nationalismus auf erfolgreiche Weise mit der Angst vor dem Verlust der Unabhängigkeit, mit einer kruden Form von Leninismus, mit Fremdenfeindlichkeit (Myers nennt das Rassismus) und mit traditionellem Familismus verschmolzen. 

Für den gewöhnlichen Nordkoreaner sind Führer und Sozialismus dasselbe wie nationale Unabhängigkeit und Nation. Letzteres besteht ohne jeden Zweifel und somit auch automatisch Ersteres. Und der Eigentümer der Ideologie ist die Partei. Aus Gründen, über die nur spekuliert werden kann, wurde die Partei eine Zeit lang in den Hintergrund gedrängt, aber nicht das Militär. Stattdessen war es der Führer selbst, der, nachdem er seine Position gefestigt hatte, sich darum bemühte, diese mächtige Institution in ihre Schranken zu weisen. 

Meine Interpretation aus dem Jahr 2003 dieser »Militär-Zuerst-Strategie« war nicht die eines radikalen Umschwungs zum Militarismus; um wie viel militaristischer könnte denn Nordkorea ohnehin werden? Stattdessen schlug ich vor, dass dies als ideologische Komponente einer marktorientierten wirtschaftlichen Reformmaßnahme zu sehen sei, der die Partei offensichtlich entgegen stand10 ‚The End of Socialism and a Wedding Gift for the Groom? The True Meaning of the Military First Policy’, NAPSNET Special Report and DPRK Briefing Book, 11. Dez. 2003, http://nautilus.org/publications/books/dprkbb/transition/dprk-briefing- book-ruediger/ . Vor kurzem rang sich das Zentralkomitee zu einer Parole durch, obwohl es Jahre ohne eine solche existiert hatte: »Lasst uns das Zentralkomitee der Partei, deren Vorsitzender Kim Jong-Il ist, mit unseren Leben beschützen.« 13 Jahre lang, zwischen 1997 und 2010, wurden diese und ähnliche Parolen ohne Bezugnahme auf das Zentralkomitee verwendet. Nach dem 19. Dezember 2011 nahmen die Staatsmedien diese Parole auf und ersetzten Kim Jong-Il durch Kim Jong-Un. 

Ein starkes Signal in Bezug auf die Macht in Nordkorea wurde am 28. Dezember durch das Begräbnis selbst gesandt. Was haben wir auf der Grundlage unseres stereotypen Wissens davon erwartet? Dass Kim Jong-Il, der große General, der Mann der »Mi- litär-Zuerst«-Ära, eine militärisches Zeremoniell bekommen würde, mit Soldaten, die seinen Sarg tragen, oder dass womöglich sein Sarg gleich auf eine Lafette oder sogar auf einen Panzer befestigt werden würde? Nun, nichts dergleichen geschah, wie wir wissen. Die gesamte Veranstaltung war größtenteils eine zivile Angelegenheit, mit Ausnahme des Salut-Schießens. 

Am wichtigsten aber ist folgendes: Wenn der Führer eines Landes stirbt, wird nicht normalerweise sein Körper in die Landesflagge gehüllt? Nicht in diesem Fall. Kim Jong-Ils Sarg wurde von der Flagge der Mutterpartei bedeckt. Welche weiteren Hinweise benötigen wir noch, um zu verstehen, wo genau in Nordkorea die Macht zu Hause ist? 

Die Partei der Arbeit kontrolliert die Regierungsinstitutionen – inklusive der wirtschaftlichen und außenpolitischen Strategien – und sie kontrolliert das Militär. Das ist auch nicht im Geringsten eine Ausnahme. Es war vielmehr die Regel in sozialistischen Ländern seit den Zeiten Lenins. In seiner Analyse der Rolle der zentralen militärischen Kommission (ZMK) der DPRK seit dem Jahr 1962 zeigt Cheong Song-Chang nicht nur, dass die ZMK eine spezielle Rolle innerhalb der Parteienstruktur spielte, sondern auch, dass die Hierarchie der Partei über der Hierarchie des Militärs stand. 

Trotz des offensichtlichen Militarismus und der Führung durch die eiserne Faust ist Nordkorea aber keine Militärdiktatur; vielmehr ist es der Extremfall einer staatssozialistischen Autokratie, die sich in einem dauerhaften Ausnahmezustand und quasi im Kriegsrecht befindet. 

WIE WIRD SICH CHINA VERHALTEN? 

China wird in den westlichen Medien oftmals als Nordkoreas einziger Verbündeter dargestellt. Das ist schwer zu leugnen, ist aber gleichzeitig nur eine Seite der Medaille. Die Geschichte kennt wenige Fälle, in denen die Beziehungen zwischen einem gigantischen Land und seinem kleinen Nachbarn aus der Sicht beider Seiten ausschließlich positiv war. Die zwei Länder blicken auf eine lange Tradition von enger Kooperation, aber auch von Spannungen und Misstrauen zurück. Im 16. Jahrhundert war China Koreas Verbündeter, schickte allerdings erst Truppen, nachdem TOYOTOMI Hideyoshi die Hälfte Koreas okkupiert hatte. Der ältere Bruder China scheiterte im 19. Jahrhundert als Koreas Beschützer, was zur Kolonisierung durch Japan führte. China eilte während des Koreakrieges zu Nordkoreas Rettung, war aber dabei nicht frei von egoistischen Gedanken – und [seine Truppen] blieben bis in die späten 1950er Jahre. Ein Coup gegen Kim Il-Sung während einer Europareise im Jahr 1956 wurde von pro-sowjetischen und pro-chinesischen Koreanern angeführt. Während der Kulturrevolution kritisierten die chinesischen Roten Garden Kim Il-Sung und seinen Führerstil aufs Heftigste und versuchten sogar, eine ähnliche Bewegung in Nordkorea auszulösen. Es gab außerdem territoriale Konflikte, die sich unter anderem um den heiligen Berg Baekdu drehten. Pekings Anspruch, dass das antike Königreich Goguryeo eigentlich Chinesisch gewesen sei, löste in beiden Koreas Empörung hervor. Die Reformen im Nachbarland werden mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen beäugt und Chinas offensichtliche Überpräsenz in der heutigen nordkoreanischen Wirtschaft stellt für viele Koreaner*innen eine Sorge dar. 

Angesichts Nordkoreas nationalistischer Ideologie und seiner Angst vor externer Einflussnahme sieht China viel mehr wie die größte Bedrohung als wie der beste Freund aus. Die massive wirtschaftliche Abhängigkeit von China unterstützt nur dieses Gefühl des Unbehagens. Yonhap News berichtete am 29. Dezember, dass in den ersten zehn Monaten von 2011 Chinas Handel mit Nordkorea um 73.4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sei, um dadurch ein neues Rekordhoch von 4.67 Milliarden US$ an Handelsvolumen zu erreichen. Insbesondere vergrößerte China seine Importe – Anthrazit-Kohle, Metalllegierungen und nicht-legierter Stahl – aus Nordkorea um sagenhafte 124.8 Prozent im letzten Jahr. Nordkoreas Handelsabhängigkeit von China sprang von 25 Prozent im Jahr 1999 auf 83 Prozent im Jahr 2011. Der nächstgrößere Handelspartner im Jahr 2010 war Russland mit lediglich 2.6% des gesamten Aufkommens!11 KOTRA (2011): 2010 Buk-han-eui Dae-oe-muyeok donghyang, KOTRA jaryo 11- 033, Seoul: KOTRA

Als ich im Jahr 1991 das erste Mal Nordkorea besuchte, kamen die meisten im Ausland produzierten Waren, falls es denn überhaupt welche gab, aus Japan. Im Gegensatz dazu schien im Jahr 2010 das gesamte Land geradezu überflutet von chinesischen Waren aller Art, von Textilien bis zu Autos, von Reparaturläden bis hin zu Restaurants. Die Internationale Handelsmesse in Nordkorea, die ich im Oktober 2010 besuchte, wurde von chinesischen Firmen dominiert, die Computer, Haushaltsgeräte, Lastwagen und Produkte aller Art verkauften. Dennoch, gegenseitiges Misstrauen herrscht nach wie vor. 

Offiziell ist alles nur Freundschaft, so wie es auch zwischen der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten gewesen war. Falls sich einmal die Gelegenheit bietet, fragen Sie einmal einen Ungarn oder Tschechen, wie sie wirklich über ihren großen Bruder dachten. Ich erinnere mich daran, wie der Begriff »die Freunde« in offen ironischer Weise auf die Russen in Ostdeutschland angewandt wurde. Im Jahr 2010 beinhaltete das Arirang-Massenspektakel ein ganzes Kapitel zur Nordkorea-China-Freundschaft. Auch hier konnten sich die Nordkoreaner einige Seitenhiebe nicht verkneifen, indem sie eine Parole aus der Kulturrevolution verwendeten: Gäbe es keine kommunistische Partei, so gäbe es auch kein neues China. Das kann auch so verstanden werden, dass Peking indirekt vorgeworfen wurde, das verraten zu haben, wofür Mao gekämpft hatte. 

Sei es nun wahre Freundschaft oder doch eine rationale Allianz: Im Kontext seiner regionalen und globalen Strategie ist China in erster Linie an einem stabilen Nordkorea interessiert. Ein Zusammenbruch würde Peking in eine sehr schwierige Lage bringen. Falls es Truppen senden würde, riefe das weltweit erboste Reaktionen hervor und es würden augenblicklich die fleißigen Bemühungen des vergangenen Jahrzehnts zunichte gemacht, den Aufstieg des Riesens als friedvoll darzustellen. Würde es jedoch nur den Zerfall der bestehenden Ordnung beobachten, so wäre Korea wohl bald unter südkoreanischer Füh- rung wiedervereint – was eine Expansion des U.S.-Einflussbereichs bis an Chinas nordöstliche Grenzen bedeuten würde. Das wäre ein strategisches Desaster: Zumindest würde die dadurch bewiesene Unfähigkeit, einen Satellitenstaat zu retten, die Chancen der Chinesischen Volksrepublik mindern, andere Länder davon zu überzeugen, Schutz durch Washington gegen Schutz durch Peking einzutauschen. Der Traum, eine regionale Supermacht zu werden, würde dadurch einen Rückschlag erleiden. Deshalb war es wenig überraschend, dass China der neuen Führung in Nordkorea schnell seine Unterstützung zusagte. 

Wir können daher eine Fortsetzung der Strategien der vergangenen Jahre erwarten: Einladungen an den Führer und hohe nordkoreanische Würdenträger; Ausflüge nach Shenyang, Peking und Schanghai; der Aufbau persönlicher Netzwerke mit der nordkoreanischen Elite; und Geduld. Nur wenn Pyongyang sichtlich zu weit geht, zum Beispiel in der Nuklearfrage, wird Peking eingreifen – aber so leise wie nur möglich. In der Zwischenzeit werden neue Wirtschaftszonen errichtet und alte wiederbelebt. Es scheint so, als vertrauten die angeblich kommunistischen Chinesen der transformativen Kraft des Marktes mehr, als es der kapitalistische Westen tut. Die Welt ist schon voller Ironie. 

WAS WIRD MIT NORDKOREAS NUKLEARPROGRAMM GESCHEHEN? 

Der gesunde Menschenverstand schlägt einem vor, dass einem Wandel in der Politstrategie ein Wandel der Voraussetzungen vorangehen muss. Wir haben jedoch keinen Grund, davon auszugehen, dass sich irgendwelche Gründe für das Bestehen des Nuklearprogramms gewandelt hätten. Nordkorea nutzt seine Nuklearwaffen als eine Maßnahme der Abschreckung auf der Grundlage derselben Logik, die während des Kalten Krieges zwischen Ost und West angewandt wurde. Das Programm ist eine der wenigen großen Leistungen, die Kim Jong-Il seinem Volk präsentieren konnte und Kim Jong- Un wird nicht so dumm sein, dieses aufzugeben, während er selbst noch seine Legitimität auf dem Erbe seines Vaters aufbaut. Am wesentlichsten ist aber, dass das Nuklearprogramm die Nachbarn in Sorge und die Welt bei der Stange hält. Diese Beachtung übersetzt sich dann in diplomatischen und wirtschaftlichen Mehrwert, der dringend benötigt wird. Der Fall Libyens und der Tod Gaddafis wurden von Nordkorea als die Langzeitauswirkung der Aufgabe seines Nuklearprogrammes interpretiert. Und zu guter Letzt ist es wohl die einzige Art und Weise, in der Nordkorea ein wenig das schwere Gewicht Chinas ausgleichen kann. Womöglich geht aber die größte Gefahr von Nordkoreas Nuklearprogramm nicht von seiner militärischen Nutzung aus. Wie die Ereignisse im März 2011 in Japan gezeigt haben, können selbst in reichen und technisch hoch entwickelten Ökonomien Unfälle nicht ausgeschlossen werden. Wir können nur hoffen, dass die Instandhaltungsarbeiten ordentlich durchgeführt werden und dass die Nuklearanlagen nicht zum Opfer von Natur- oder von Menschenhand geschaffenen Katastrophen werden. 

WAS WIRD KIM JONG-UNS STRATEGIE SEIN? 

Offenkundig kann im Moment zu diesem Thema nur wenig außer »Kontinuität« gesagt werden. Es ist auch einfach zu erkennen, dass er einen Weg finden muss, um die wirtschaftlichen Engpässe seines Landes zu lösen. Durch eine Studie sozialistischer Systeme durch Janos Kornai und anderen Autor*innen wissen wir, dass solche Engpässe chronisch und systemisch sind. Anders gesagt: ein Systemwandel anstelle von bloßen Bewältigungsstrategien müsste her. Es ist schon wahr, Nordkorea konnte lange Zeit durch seine »Durchwurstel«-Strategie überleben. Aber das ändert nichts an dem Umstand, dass seine Wirtschaft defekt ist. Das chinesische Beispiel stellt die offensichtliche Lösung dar, doch wird Kim Jong-Un gewillt und fähig sein und wird man ihm auch gestatten, diesem zu folgen? Im Moment gibt es eine Reihe von Indikatoren, dass das wirtschaftliche Wohlbefinden seines Volkes oberste Priorität für Kim Jong-Un haben wird. Erinnern wir uns, dass seiner Einführung als Nachfolger am 19. Dezember bald Nachrichten wie diese folgten: »Geschätzter Kamerad Kim Jong-Un, der angesichts des Todes [von Kim Jong-Il] von tiefster Trauer erfasst wurde, traf alle nötigen Vorbereitungen, um rechtzeitig frischen Fisch in die Hauptstadt liefern zu lassen, damit die Bewohner*innen während der Trauerzeit mit Fisch versorgt sind.«12 ‘Fresh fish supply to Pyongyang citizens.’ KCNA, 23. Dez. 2011, http://www.kcna. co.jp/item/2011/201112/news23/20111223-55ee.html

Dies wurde durch Berichte über die Bereitstellung von heißem Wasser für die Trauernden ergänzt. Am 3. Januar 2012 wurde die 3. Warenausstellung im Pyongyanger Kaufhaus Nummer 1 veranstaltet. In einem damit zusammenhängenden Artikel wurde Kim Jong-Un mit einer Reihe von Bemerkungen im Geiste seines Vaters zitiert, der die erste Ausstellung im Juli 2011 veranstaltet hatte. Anders gesagt: der Schwerpunkt auf Konsumwaren ist recht neu und wird von Kim Jong-Un nun weitergeführt. 

Ein Schwerpunkt auf Leichtindustrie und Landwirtschaft – d.h. auf Konsumgüter – lässt sich auch durch ein neues Schlagwort belegen, das im engen Zusammenhang mit der Nachfolge aufkam: »Die Flammen von Hamnam«. Es wurde zuerst in der Rodong Sinmun am 26. Oktober erwähnt und bezieht sich auf die Vor-Ort- Besichtigung von Kim Jong-Il im Oktober 2011. Das gemeinsame Neujahrseditorial 2012 bekräftigt diese Strategie. Diese Verweise auf wirtschaftliche Strategien, die Verbesserung von Lebensstandards, die Herstellung von Konsumgütern und die Zufriedenstellung der materiellen Bedürfnisse der BürgerInnen ist kein Zufall. 

Nordkorea wandelt sich schnell, Selbstbewusstsein und Individualismus sind am Wachsen und ein Mittelstand hat sich entwickelt. Die alte Führerschaft löste diesen Prozess aus und kämpfte anschließend damit, einen Weg zu finden, um mit diesem Phänomen umzugehen. Die neue Führung hat die Aufgabe, diese Suche nach einem Weg nach Vorne fortzuführen, um den Anforderungen seiner Bürger*innen zu entsprechen. Dies alles muss gemacht werden, ohne dabei selbstzerstörerisch zu werden – sicherlich keine leichte Aufgabe. 

POST-SCRIPTUM:
WAS SOLLTEN WIR FÜR DAS JAHR 2012 ERWARTEN? 

Es war klar, dass das Jahr 2012 ein interessantes für Nordkorea und seine Beobachter werden würde. Das erste Ereignis in chronologischer Reihenfolge war der Geburtstag des neuen Führers am 8. Ja- nur; dieses ging augenscheinlich ohne größere Feier vorüber – es sei denn, wir gingen vom falschen Datum aus. 

Wie erwartet wurde Kim Jong-Il in einen Status der Ewigkeit gehoben, wie schon sein Vater vor ihm, der im Zuge einer Verfassungsänderung 1998 vier Jahre nach seinem Tod zum »Ewigen Präsidenten« gemacht wurde. Im Falle Kim Jong-Ils war der Verlauf viel schneller. Er wurde zum Ewigen Generalsekretär der Landesverteidigungskommission gemacht. Sein Sohn Kim Jong-Un wiederum nahm in beiden Organisationen die Führungsrollen des Ersten Sekretär und Ersten Vorsitzenden ein. 

Das führt uns zu der Frage der Formalisierung von Kim Jong-Uns Herrschaft. Ihm und seinen Unterstützern scheint es gelungen zu sein, seine Macht zu konsolidieren, was sich auch in seinen neuen offiziellen und formellen Titeln ausdrückt – oder durch diese zumindest angedeutet wurde. Kim Jong-Un muss nun eine delikate Balance zwischen seiner eigenen Ermächtigung, seinem Respekt gegenüber seinem Vater und seiner Unterstützung des machtvollen Bildes seines Großvaters finden. 

Insbesondere in Bezug auf den letzteren Punkt sehen wir beunruhigende Entwicklungen. Die Versetzung der Kim Il-Sung-Statue auf die linke Seite des Mansudae-Hügels, um Raum für eine Kim Jong-Il-Statue zu schaffen, wird wohl von vielen Nordkoreaner*innen als ein Sakrileg wahrgenommen werden. Die Eile und Geschwindigkeit, mit der der Macht Transfer stattfindet, steht im krassen Gegensatz zur langen offiziellen Lehrzeit von Kim Jong-Il (1980-1994) und seiner ausführlichen Trauerzeit (1994-1997). Wenn wir Ideologie als den Schlüsselfaktor für Regimestabilität in Nordkorea ansehen, dann sind alle Änderungen in dieser Sache potenziell destabilisierend. 

In Bezug auf die Außenpolitik ist es fair zu diesem Zeitpunkt zu sagen, dass eine schnelle Verbesserung der Beziehungen mit LEE Myung-Baks Südkorea wohl nicht hoch auf der Liste von Kim Jong- Un rangiert. Die Vorwürfe respektlosen Verhaltens sind in letzter Zeit so schwerwiegend geworden, dass wir nur hoffen können, dass dies nur die übliche kriegerische Rhetorik ist, und nicht das Vorspiel zu einem weiteren militärischen Zwischenfall. Dennoch bleibt die Wiedervereinigung Staatsziel – und Südkorea ist der natürlichste Kooperationspartner für wirtschaftlichen Austausch. Letzteres ist wesentlich, um den versprochenen Aufschwung im Lebensstandard der nordkoreanischen Bevölkerung zu bewerkstelligen. Ich bin deshalb recht optimistisch, was die Aussichten für eine innerkoreanische Aussöhnung betrifft. Ob dies unter dem jetzigen Präsidenten geschehen wird, ist jedoch fraglich. 

Das heißt für den jetzigen Zeitpunkt, dass die Abhängigkeit von China als einzigen signifikanten Wirtschaftspartner hoch bleiben oder sogar noch wachsen wird. Weder Seoul noch Pyongyang werden darüber allzu froh sein und Alternativen werden aktiv gesucht werden. Das eröffnet neue Möglichkeiten für Russland, die USA und die EU. Ich würde zudem noch Südostasien und den Nahen Osten genauer beobachten wollen. 

Dennoch, ein Präsident Obama, der gegen einen konservativen Herausforderer antritt, wird wahrscheinlich alles vermeiden, was als Befriedungspolitik und als ein Mangel an Härte interpretiert werden könnte. Der Raketenstart und nun die Gerüchte um einen dritten Nukleartest lassen noch zusätzlich pessimistisch werden gegenüber den Chancen einer kurzzeitigen Besserung der U.S-DPRK-Beziehungen. Andererseits ist die EU mehr als je zuvor mit sich selbst beschäftigt. Eine weitere, zeitlich begrenzte Chance wird so möglicherweise verspielt und Nordkorea könnte wieder seine alten und bewährten Strategien anwenden, um uns bei der Stange zu halten. Diese beinhalten auch die nukleare Spielkarte in all ihren Variationen. Um noch weiter in die Zukunft zu blicken: Falls das Potential für Verbesserungen nicht ausgeschöpft wird, könnte sich dies besonders ungünstig auswirken. Wenn Kim Jong-Un die ersten Jahre an der Macht überlebt, wird er langsam aber sicher seinen Griff um die Partei und die Familien festigen. Er wird seine Gegner beseitigen, die Gruppe der Loyalen ausbauen und so die Institutionen schwächen, die im Moment mehr Macht zu genießen scheinen als je zuvor in Nordkoreas Geschichte seit 1956. Die quasi kollektive Führung, die wir im Moment sehen, wird sich über die Jahre hinweg in eine weitere Ein-Personen-Diktatur wandeln, wie wir sie schon aus der Vergangenheit kennen. Wir werden uns vielleicht schon bald in derselben Lage wiederfinden, in der wir schon in den letzten Jahrzehnten waren und mit denselben Problemen – nur dass diese womöglich in der Zwischenzeit noch an Größe zugenommen haben könnten. 

Übersetzt aus dem Englischen von Elisabeth Schober 

(Dies ist eine leicht veränderte Fassung des Artikels ‚North Korea after Kim Jong Il: The Kim Jong Un era and its challenges‘ von Rüdiger Frank, erschienen in The Asia-Pacific Journal Vol. 10, Issue 2, No. 2, 9. Jan. 2012)

  • 1
    Henderson, Gregory (1968): Korea. The Politics of the Vortex. Harvard University Press
  • 2
    Myers, Brian R. (2011): ‘North Korea’s State-Loyalty Advantage’, Journal of Inter- national Affairs, Fall/Winter, Vol. 65, No. 1., S. 115-129
  • 3
    JEONG Seoungjang : 2012nyeon Buk-han Jeongse Jeonmang, Jeongse-wa Jeong- chaek 2012nyeon 1wol-ho http://www.sejong.org/pub_ci/PUB_CI_DATA/k2012- 01_6.PDF
  • 4
    Lankov, Andrei: ‘It’s not all change in Pyongyang’, Asia Times Online, 5. Jan. 2012, http://www.atimes.com/atimes/Korea/NA05Dg01.html
  • 5
    Weber, Max (1972): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr Siebeck, S. 122
  • 6
    Merkel, Wolfgang (1999). Systemtransformation. Opladen: Leske+Budrich, S. 25-28
  • 7
    Bursens, Peter und Dave Sinardet, ‘Democratic Legitimacy in Multilevel Political Systems: The European Union and Belgium in Comparative Perspective.’ Vortrag während der European Union Studies Association 11th Biennial International Conference, 23.-25. Mai 2007, Los Angeles
  • 8
    Gause, Ken E., ‘Kim Jong-Un and Pyongyang’s Signaling Campaign’, 3. Jan. 2012, http://blog.keia.org/2012/01/Kim-chong-un-and-pyongyangs-signaling-campaign/
  • 9
    ‘NKorea’s Kim visits tank division on New Year’s’, The Guardian, 1. Jan.2012, http://www.guardian.co.uk/world/feedarticle/10019703
  • 10
    ‚The End of Socialism and a Wedding Gift for the Groom? The True Meaning of the Military First Policy’, NAPSNET Special Report and DPRK Briefing Book, 11. Dez. 2003, http://nautilus.org/publications/books/dprkbb/transition/dprk-briefing- book-ruediger/
  • 11
    KOTRA (2011): 2010 Buk-han-eui Dae-oe-muyeok donghyang, KOTRA jaryo 11- 033, Seoul: KOTRA
  • 12
    ‘Fresh fish supply to Pyongyang citizens.’ KCNA, 23. Dez. 2011, http://www.kcna. co.jp/item/2011/201112/news23/20111223-55ee.html