Es geht hier vor allem darum, über Erfahrungen nordkoreanischer Flüchtlinge zu berichten. Grundlage dafür bilden Interviews. Angelehnt an das Untersuchungsfeld der Biographieforschung stehen hierbei gesellschaftliche Wandlungsprozesse im Vordergrund. Diese Forschungsrichtung geht davon aus, dass Alltagserfahrungen von Individuen nicht nur das Leben des Einzelnen, sondern die Gesellschaft insgesamt konstituieren. Das heißt: Nicht nur die großen Ereignisse der Welt, sondern vielmehr die alltäglichen Erlebnisse der einfachen Menschen konstituieren nach und nach die Geschichte schlechthin. In dieser Perspektive geht es nicht allein darum, politische Ereignisse zu analysieren, sondern detailliert die Lebenserfahrungen der »normalen« Menschen zu betrachten und dadurch die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen. Dafür wurden seit 2000 im Rahmen eines landesweiten Rechercheprojekts mehrere hundert Interviews geführt, von denen allein 70 auf nordkoreanische Flüchtlinge fallen.1 Unterstützt wurde das Projekt durch die Korean Research Foundation, vom Korea Institute for National Unification und von der National Human Rights Commission of Korea. Der Fokus liegt dabei auf biographischen Erfahrungen von nordkoreanischen Flüchtlingen, die momentan in Südkorea leben.2 Gegenwärtig leben etwa 27.000 Nordkoreaner offiziell in Südkorea. Exemplarisch werden dafür im Folgenden drei ausgewählte Biographien vorgestellt. Diese repräsentieren individuelle Lebensläufe, gleichzeitig deuten sie aber auch gesellschaftliche Verhältnisse in Nordkorea an, in denen Biographien gestaltet werden bzw. diese die gesellschaftlichen Verhältnisse mitgestaltet haben.
GESELLSCHAFTLICHE WANDLUNGEN IN NORDKOREA UND FLUCHT
Nach den bisherigen Untersuchungsergebnissen lassen sich die nordkoreanischen Flüchtlinge in drei Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe umfasst diejenigen, die zwischen 1995 und 2004 im Zuge des sog. »Notmarsches«3 March of Suffering (koreanisch: 고난의 행군/gonan eu hanggun) aus Nordkorea flohen. Die zweite Gruppe kategorisiert diejenigen, die nach dem Notmarsch nach Südkorea gingen. In der dritten Gruppe sind diejenigen zusammengefasst, die nach ihrer Ankunft in Südkorea weiter in andere Länder emigrierten oder auswandern wollen.
Beim Thema »Notmarsch« ist es wichtig, den Zusammenbruch des Ostblocks und die Naturkatastrophen in den 1990er Jahren in Nordkorea mitzudenken. All dies hatte in Nordkorea großen Einfluss auf die ökonomische Krise, die letztendlich zum Zusammenbruch des sozialistischen Verteilungssystems führte. Aus den Interviews geht hervor, dass die Menschen in den Grenzgebieten schon seit Anfang der 1990er Jahre unter Hunger litten, weil die Zuteilungen von Lebensmitteln stark reduziert wurden. So sind im Zeitraum des Notmarsches zwischen 1995 und 2004 vermutlich etwa 300.000 bis 1 Mio. nordkoreanische Bürger aufgrund von Unterernährung und den damit verbundenen Krankheiten sowie aufkommenden Verbrechen gestorben. In Nordkorea hat es nach offiziellen Angaben bislang zweimal eine Volkszählung gegeben, einmal 1993 und dann noch einmal 2008. Daraus ergibt sich, dass die Anzahl der unter 13-jährigen im Jahr 2008 deutlich geringer ist als in den anderen Altersgruppen. Das bedeutet, dass viele Neugeborene und Kleinkinder damals gestorben sind.
Als weitere wichtige politische Eckdaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind zwei ökonomische Maßnahmen der nordkoreanischen Regierung zu nennen. Am 1. Juli 2002 hatte die Regierung in Nordkorea eine sog. »Ökonomische Kontrollmaßnahme« durchgeführt und im darauffolgenden Jahr 2003 das sog. »Komplexe Marktsystem« eingeführt. Beide Maßnahmen deuten darauf hin, dass der bis dahin stark entwickelte Schwarzmarkt und die damit verbundenen Handelsaktivitäten der Bevölkerung mit Einschränkungen anerkannt wurden. Die Regierung hatte die Kontrolle über die sich spontan entwickelnden Handelsaktivitäten der Bürger verloren und musste sie daher institutionalisieren. Gleichzeitig versuchte die Regierung regelmäßig diejenigen, die inzwischen Kapital akkumuliert hatten, unter Kontrolle zu bekommen. So war zum Beispiel die Währungsreform im Jahr 2009 ein Versuch, die kapitalistischen Märkte zu unterdrücken. Dies hat sich jedoch als Misserfolg erwiesen. All diese soziopolitischen Daten weisen auf bedeutsame Veränderungsprozesse hin.
Die Mehrheit derjenigen, die beim Notmarsch geflohen waren, kehrte nach Nordkorea zurück. Dies war zum damaligen Zeitpunkt relativ unproblematisch, da die Grenzen kaum kontrolliert wurden und die Grenzsoldaten mit Zigaretten oder ein wenig Geld bestochen werden konnten. Für diejenigen jedoch, die bereits in der Nachbarschaft oder auf der Arbeit aufgrund ihrer Abwesenheit als Flüchtlinge bekannt waren, gab es keine Möglichkeit zurückzukehren, und so blieben diese und einige andere weiterhin in China. Nach Schätzung der südkoreanischen NGO »Good Friends« waren es etwa 200- bis 300.000 Nordkoreaner, die mit oder ohne Papiere in China zurückblieben.4 Schleichhandel: Nicht legitimierter Handel von Waren (Schwarzmarkt). Diese gründeten dort Familien und siedelten sich fest an oder warten nach wie vor auf eine Gelegenheit, nach Nord- oder Südkorea auszuwandern. Zwischen 1995 und 2004 wanderten etwa 5.570 Nordkoreaner nach Südkorea aus, und einige hundert mehr in ein drittes Migrationsland wie zum Beispiel die USA, Kanada, Australien oder Belgien.
Mit Blick auf die Zurückgekehrten ist es wichtig, dass diese nicht nur mit Reis oder anderen Nahrungsmitteln zurückkehrten, sondern auch mit neuen Erfahrungen (z.B. über südkoreanische Lieder und Fernsehserien) und dem Wissen, dass es auch andere Gesellschaftsformen gibt.
Diese Erfahrungen führten dazu, dass sich neue Handelsmöglichkeiten zwischen China und Nordkorea ergaben und ein florierender Schwarzmarkt entstand. So verbreiteten sich etwa ab der Mitte der 2000er Jahre unzählige CDs/DVDs von südkoreanischen Fernseh- Serien im ganzen Land, was von der nordkoreanischen Regierung in mehrmaligen Kundgebungen als »kapitalistisches Verbrechen« bezeichnet wurde.
LEBENSERFAHRUNGEN DER NORDKOREANISCHEN FLÜCHTLINGE
Die erste der drei Biographien, die vor diesem Hintergrund vorgestellt wird, ist die von Herrn Kim. Herr Kim wurde 1969 in einem Dorf in der nordöstlichen Provinz Hamgyungbuk-Do geboren. Sein Vater wurde in den 1970er Jahren aus ›politischen Gründen‹ festgenommen. Seitdem wurde er nie wieder gesehen. Herr Kim stammt also aus einer Familie, die in ein politisches Verbrechen verwickelt wurde. Nach seinem Mittelschulabschluss war es ihm nicht möglich, zur Oberschule zu gehen. Stattdessen wurde er oft für die Parteiarbeit mobilisiert. 1995 heiratete er im Alter von 27 Jahren. In dieser Zeit begann er auch zusammen mit Freunden regelmäßig die Grenze zwischen Nordkorea und China zu überqueren und Schleichhandel zu betreiben.5 Die Zahlen entsprechen einer Schätzung aus dem Jahr 2006. Er hatte sich insbesondere auf den Handel mit analogen Schwarz-Weiß-Fernsehern und DVD-Playern spezialisiert, die in Südkorea, Japan und Hongkong im Zuge der Digitalisierung sehr günstig zu erwerben waren. Damit konnte er relativ viel Geld verdienen, war aber dadurch auch sehr viel unterwegs, kam nur unregelmäßig nach Hause, was schließlich zu seiner Scheidung führte. Er lernte jedoch schnell eine neue Frau kennen, mit der er zusammen mit seinem Sohn 2005 nach China übersiedelte, bevor er wegen seiner Schwarzmarkt- Aktivitäten festgenommen wurde.
Nach seinen Erzählungen schauen sehr viele Nordkoreaner heimlich südkoreanische Fernsehserien. Das gilt nicht nur für die allgemeine Bevölkerung, sondern auch für hohe Partei- und Militärfunktionäre, die den südkoreanischen Modetrends folgen, auch wenn sie dies in der Öffentlichkeit kritisieren. So ist es nach seiner Beschreibung üblich, dass sich die ganze Familie abends zusammensetzt, die Fenster mit einer dicken Decke abhängt und gemeinsam südkoreanische Fernsehserien anschaut. Als vorübergehendes Fazit lässt sich also festhalten, dass die Bevölkerung in Nordkorea seit der Mitte der 1990er Jahre im Zuge ihres Überlebenskampfes neue Handelsnetzwerke inner- und außerhalb Nordkoreas aufbaute, und dadurch mit gegenwärtigen kapitalistischen Kulturphänomenen wie zum Beispiel der sog. »Korean Wave« (Hallyu) eng verbunden ist. So mag Nordkorea von außen gesehen zwar ein völlig abgeschottetes Land sein, tatsächlich jedoch nehmen die nordkoreanischen Bürger tagtäglich Anteil an den Kulturen anderer Länder.
Die zweite Biographie stammt von Frau Hong, die 1975 geboren wurde. Ihr Vater war Universitätsprofessor und ihre Mutter treues und aktives Mitglied in der nordkoreanischen Frauenorganisation. Frau Hong absolvierte ihr Studium in der Hauptstadt Pyongyang und machte ab 1996 beruflich Karriere in einer Parteiorganisation ihrer Heimat. Ihr Traum war es, eine »sozialistische Revolutionärin« zu werden. Jedoch mussten auch sie und ihre Familie im Zuge der Verteilungsprobleme ab der Mitte der 1990er Jahre unter der Hungersnot leiden. So fing sie an, gebrauchte und alte Kleidung auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, um sich Essen leisten zu können. Beim Interview 2012 konnte sie sich noch genau daran erinnern, wie ihre ganze Familie im Jahr 1998 mehrere Tage lang ohne Essen nur im Liegen verbrachte. Dies ging soweit, dass ihr Bruder mit der ihm zuletzt verbliebenen Kraft einen Hund erschlug, um daraus eine Suppe zu kochen, mit der Frau Hong überleben und nach China fliehen konnte.
Das besondere an ihrer Geschichte ist, dass sie im Jahr 2009 nicht zum ersten Mal nach Südkorea kam, sondern bereits zwischen 2000 und 2001 in Seoul illegal als ›Ethnic Korean Chinese‹ (Chosun Jok) lebte. In China wurde sie mehrmals verkauft und von chinesischen Unterhändlern eingefangen. Schließlich wurde sie von einer in China lebenden ethnisch koreanischen Familie gekauft und als Tochter adoptiert. Ihr Adoptivvater schlug ihr vor, einen südkoreanischen Mann zu heiraten und danach die ganze Familie nach Südkorea einzuladen. Danach – so der der Vater – könne sie mit 20.000 Yuan nach Nordkorea zurückkehren. Anfangs noch über diesen Vorschlag entsetzt – handelte es sich doch ihrer Meinung nach bei Südkorea um den kapitalistischen Feind – akzeptierte sie nach langem Überlegen und reiste im Jahr 2000 als Heiratsmigrantin nach Südkorea. Sie arbeitete zwei Jahre lang in einem Restaurant in Seoul, und als 2002 ihre Adoptivfamilie durch ihre Einladung nach Südkorea auswandern durfte, ging sie mit ihrem chinesischen Pass über China nach Nordkorea zurück. Damit wird deutlich, dass nicht nur Nord- und Südkorea, sondern mit ihnen auch China und andere ostasiatische Länder in einem engen Beziehungsgeflecht zueinander stehen. Nach ihrer Rückkehr 2002 heiratete Frau Hong einen Mann aus einer revolutionären Familie. Das Geld, mit dem sie nach Nordkorea zurückgekommen war, nutzte sie, um Schleichhandel zu betreiben. Dazu gehörte nicht nur »Warenhandel«, sondern auch »Menschenhandel«, der in Nordkorea streng verboten ist.
Das heißt, sie vermittelte nordkoreanische Bürger, die aus Nordkorea fliehen wollten, sowie Informationen, Geld und Makler, die bei der Flucht behilflich sein sollten. Als sie 2008 aufgrund ihrer illegalen Aktivitäten festgenommen wurde, floh sie mit ihrer Familie zurück nach China, bevor sie 2009 weiter nach Südkorea auswanderte.
In der Geschichte von Frau Hong spiegeln sich sowohl die Erfahrungen der ersten Gruppe wider – also derjenigen, die aus Nordkorea flohen, um ihr Überleben zu sichern – als auch die Erfahrungen der zweiten Gruppe – also derjenigen, die im Zuge ihrer Erlebnisse im Ausland nach Südkorea gingen. Um eine dritte Gruppe geht es im letzten Beispiel: Die Weiterreisenden. Seit Anfang 2000 kommt es immer häufiger vor, dass vor allem jüngere nordkoreanische Flüchtlinge, nachdem sie in Südkorea angekommen sind, weiter nach Europa und in andere Länder emigrieren. In Südkorea werden sie zwar offiziell als südkoreanische Bürger registriert und bekommen einen südkoreanischen Pass, im Alltag sind sie jedoch ständiger Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt.6 Dies geht aus einer Studie zu Menschenrechtsverletzungen an nordkoreanischen Flüchtlingen aus dem Jahre 2009 hervor, an der die Autorin selbst beteiligt war. Vor allem haben sie Schwierigkeiten, eine richtige Arbeit zu finden. So ist es nicht unüblich, dass sie nach Bekanntwerden ihrer nordkoreanischen Vergangenheit sofort wieder entlassen werden. Hinzu kommen Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Neuere Untersuchungen zeigen, dass nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea fremder als andere Ausländer empfunden werden. Daher versuchen nicht wenige nordkoreanische Flüchtlinge, Südkorea wieder zu verlassen. Davon handelt auch die dritte Biographie.
Frau Park wurde 1965 geboren. Sowohl ihr Mann als auch ihr Bruder starben im Zuge des Notmarsches an unbekannten Krankheiten. Sie selbst erlitt eine Leberentzündung. 2005 ging sie mit ihrem Sohn zunächst nach China und arbeitete dort in einem von ethnischen Koreanern betriebenen Restaurant, bevor sie 2007 über einen chinesischen Vermittler nach Südkorea kam. In Südkorea wurde sie jedoch schnell mit der Realität konfrontiert. Für ihren Sohn, der Talent im Fußball zeigte und Profifußballer werden wollte, gab es zum Beispiel keine staatliche Unterstützung, so dass sie die Förderung ihres Sohnes aus eigener Tasche bezahlen musste. Anders als in Nordkorea, wo die gesamte Erziehung und Ausbildung vom Staat finanziert wird, war sie in Südkorea ganz auf sich allein gestellt. Diese Realität wollte sie nicht akzeptieren. Sie suchte im Internet nach Informationen, ob es in einem anderen Land bessere Möglichkeiten gäbe, ihrem Sohn seinen Traum zu erfüllen. Als Alternative stellten sich die skandinavischen Länder heraus, in denen es bereits Gruppen nordkoreanischer Flüchtlinge gab.
2008 buchte sie ein Reisepaket namens »1 Woche Urlaub in Europa« für sich und ihren Sohn und vermietete ihre Wohnung. Ihr erstes Reiseziel war Frankreich, danach machten sie noch Urlaub in Deutschland und Belgien, bevor sie weiter mit Bus und Bahn nach Norwegen fuhren. In Norwegen angekommen, versteckte sie ihre Papiere und beantragte für sich und ihren Sohn Asyl als nordkoreanische Flüchtlinge. Aufgrund ihrer Erlebnisse im Ausland ist es Frau Park möglich, die Bildungssysteme von Nord- und Südkorea mit dem von Norwegen zu vergleichen. Sie betont, dass nicht alles an Nordkorea schlecht ist und kritisiert das Bildungssystem in Südkorea, das vorwiegend von privaten Institutionen abhängig ist. Insbesondere ihre Erfahrung mit dem Wohlfahrtssystem Norwegens erlaubt es ihr, eine kritische Perspektive auf Nord- und Südkorea einzunehmen und darüber die unterschiedlichen Gesellschaften mit Distanz zu bewerten. Frau Park lässt sich damit als ein »Global Citizen« beschreiben, die sich gegen ihr Schicksal, in ein Land hineingeboren zu sein und dort aufgrund ihrer Ethnizität bleiben zu müssen, entschieden hat. Schließlich musste sie doch wieder mit ihrem Sohn nach Südkorea zurückkehren, nachdem ihre Identität als ein in Südkorea registrierter nordkoreanischer Flüchtling bekannt wurde.
FAZIT
Zusammenfassend lassen sich folgende drei Punkte hervorheben: Erstens sind diejenigen, die sich beim Notmarsch in Gefahr begaben und zwischen China und Nordkorea pendelten und Handel betrieben als Protagonisten zu betrachten, die die gesellschaftliche Veränderung Nordkoreas »von unten« ermöglicht haben. Bisherige wissenschaftliche Untersuchungen konzentrieren sich häufig allein auf die Gewalterfahrung der nordkoreanischen Flüchtlinge, so dass sie lediglich als Opfer der nordkoreanischen Diktatur repräsentiert werden. Entgegen dieser Vorstellung zeigen jedoch die hier aufgeführten Lebenserfahrungen, dass sie nicht einfach nur hoffnungslose und auf Hilfe wartende Opfer sind, sondern aktiv handelnde Protagonisten, die darum bemüht sind, ihre eigene Lebenssituation zu verbessern.
Zweitens ist festzustellen, dass bisher nicht das eingetreten ist, was viele westliche Journalisten vorausgesagt haben. Die mit der Hungersnot eintretende Massenflucht aus Nordkorea führte nicht zum Zusammenbruch des nordkoreanischen Staates. Vielmehr deuten die bisherigen Untersuchungen darauf hin, dass die Massenflucht einen paradoxen Effekt hatte, durch den die nordkoreanische Gesellschaft wirtschaftlich und kulturell reformiert wurde. Freilich wird jedoch die Frage, ob und wie sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Nordkorea weiter entwickeln, auch davon abhängen, inwieweit eine wirtschaftliche Stabilisierung und der Machtsicherungsprozess des gegenwärtigen Staatschefs Kim Jong-Un voranschreiten. Drittens wäre es verkürzt, die weltweite Migration nordkoreanischer Flüchtlinge allein auf ökonomische Gründe zu reduzieren. Vielmehr kann sie als eine Sehnsucht nach einem besseren Leben insgesamt verstanden werden. Ihre Mobilitätskraft entspringt einem Lebenswillen, einem Willen, »sich frei bewegen zu wollen«, ganz egal wohin auf der Welt. Dabei stoßen sie auch in Europa und den USA auf staatliche Regelwerke, die zwischen Bürgern und Nicht-Bürgern unterscheiden und der Abschiebung letzterer dienen. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts machte die deutsche Philosophin Hannah Arendt darauf aufmerksam, dass in einem Nationalstaatssystem diejenigen Menschen, die nicht gleicher nationaler Identität sind, schlechter behandelt werden als ein Verbrecher mit gleicher nationaler Identität.7 Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/ Main, S. 416 ff. Die Menschenrechte von nordkoreanischen Flüchtlingen stehen damit im direkten Widerspruch zu den international anerkannten Gewohnheitsrechten des Nationalstaatssystems in der Welt. So gesehen lassen sich die nordkoreanischen Flüchtlinge, die gegen ihr Schicksal kämpfen, ein Leben in dem von ihnen von Geburt an zugehörigen Nationalstaat leben zu müssen und auf freie Mobilität setzen, als moderne Nomaden des globalen 21. Jahrhunderts bezeichnen. Ihre Menschenrechte sollten nicht durch eine nationalstaatliche Perspektive eingeschränkt werden.
- 1Unterstützt wurde das Projekt durch die Korean Research Foundation, vom Korea Institute for National Unification und von der National Human Rights Commission of Korea.
- 2Gegenwärtig leben etwa 27.000 Nordkoreaner offiziell in Südkorea.
- 3March of Suffering (koreanisch: 고난의 행군/gonan eu hanggun)
- 4Schleichhandel: Nicht legitimierter Handel von Waren (Schwarzmarkt).
- 5Die Zahlen entsprechen einer Schätzung aus dem Jahr 2006.
- 6Dies geht aus einer Studie zu Menschenrechtsverletzungen an nordkoreanischen Flüchtlingen aus dem Jahre 2009 hervor, an der die Autorin selbst beteiligt war.
- 7Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/ Main, S. 416 ff.