Korea Forum: Die Situation von ledigen Müttern in Korea ist erst seit Kurzem ein Thema. Warum wurde so lange nicht darüber gesprochen?
Kwon Hee-Jung: Weil es ein Tabu ist, über Frauen zu sprechen, die außerhalb der Ehe schwanger geworden sind. Das geht auf eine alte Tradition zurück.
Während der Joseon-Dynastie sagte man: Frauen, die nicht verheiratet sind, sollten sich still verhalten. Es gibt keinen Grund, sie zu entschuldigen. Aber seit den 1960er-Jahren ist in Korea die Ideologie der modernen Kernfamilie stark geworden – genau wie in den westlichen Ländern. Damals wurde die Idee der Ehe mystifiziert: Verliebe Dich in den richtigen Mann, heirate und gründe eine anständige Familie. Seit dieser Zeit wird angenommen, dass die Kernfamilie die glücklichste Form der Familie ist und es keine gute Wahl für eine Frau ist, unverheiratet ein Kind zu bekommen.
Eigentlich hat man in Südkorea den Eindruck, sich in einer sehr modernen Gesellschaft zu befinden. Frauen scheinen sehr viele Freiheiten und Möglichkeiten zu haben. Aber nicht die Freiheit, ihr eigenes Kind aufzuziehen?
Ich finde das sehr traurig. Was das Verhältnis zu Sex angeht, herrscht in unserer Gesellschaft eine Doppelmoral: Die Frauen sind eigentlich sehr aufgeschlossen dafür, eine sexuelle Beziehung mit ihrem Partner einzugehen. Aber offiziell sind sie sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, über ihre freie sexuelle Beziehung zu ihrem Partner zu reden.
Wie viele ledige Mütter gibt es etwa?
Es gibt bislang keine offiziellen Zahlen. Das liegt daran, dass es diese starke Vorstellung gibt, dass unverheiratete Frauen keine Kinder haben sollten. Und deswegen gibt es auch kein System, mit dem die Zahl der ledigen Mütter erfasst wird. Alle fünf Jahre wird in Korea ein Bevölkerungs-Zensus durchgeführt. Der letzte ist aus dem Jahr 2010.
Auf die Frage »Sind sie verheiratet?« gibt es nur zwei mögliche Antworten: ja oder nein. Wurde die Frage mit »nein« beantwortet, hat man gar keine Möglichkeit, die Frage nach der Anzahl der Kinder zu beantworten.
Wie kommen Sie dann überhaupt auf Zahlen?
Das sind inoffizielle Zahlen. Zum Beispiel steigt die Zahl der Mütter, die in Entbindungsheimen leben. Es sind mehr als 200.000. Allerdings werden die Mütter, die ihre Kinder zur Adoption freigeben, nicht mitgezählt, weil sie die Geburt nirgendwo anmelden. Diese Babys tauchen in der Bevölkerungsstatistik Südkoreas nicht auf.
Das heißt, diese Kinder haben nicht mal eine Geburtsurkunde?
Das System in Korea ist so: Nachdem ein Kind zur Welt gekommen ist, geht ein Elternteil innerhalb eines Monats aufs Amt und zeigt die Geburt an.
Aber wenn man das nicht tut, gibt es keine Strafe. Das soll aber jetzt geändert werden. Eine Anmeldung nach der Geburt soll nicht mehr freiwillig erfolgen, sondern wird verpflichtend gemacht.
Was ist die größte Herausforderung, der sich eine werdende ledige Mutter stellen muss?
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2009 zeigt, dass mehr als 90% aller Frauen, die unverheiratet schwanger geworden sind, aus diesem Grund ihre Arbeit kündigen. Sie hören auf, weil es sehr beschämend ist, außerhalb der Ehe schwanger zu werden. Und bevor sie unter Druck gesetzt werden, dass sie kündigen sollen, hören sie lieber freiwillig auf. In Korea haben wir, was Arbeitnehmerrechte angeht, sehr viele Gesetze – nur leider haben die keine Wirkung, wenn es um Frauen geht, die unverheiratet schwanger werden. Und Mütter, die noch zur Schule gehen, brechen die Schule ab. Bis vor zwei, drei Jahren mussten sie von der Schule abgehen, aber dann hat die Regierung verordnet, dass schwangere Schülerinnen nicht mehr diskriminiert werden dürfen. Manche Lehrer sind sehr hilfsbereit. Aber es gibt immer noch Lehrer, die ihre Schülerinnen indirekt dazu bewegen, die Schule zu verlassen. Die Begründung dafür ist, dass sie einen schlechten Einfluss auf andere Schülerinnen ausüben würden.
Gibt es familienpolitische Maßnahmen, um ledige Mütter zu unterstützen?
Als ich anfing, mich für ledige Mütter in Korea einzusetzen, gab es noch fast keine politischen Maßnahmen, um diese zu unterstützen. Aber das hat sich in den letzten vier Jahren ein wenig geändert. Jetzt bekommen ledige Mütter eine kleine Summe für medizinische Versorgung und für Kinderbetreuung. Aber das reicht noch nicht.
Ich habe gehört, es handelt sich um ca. 50.000 Won (35 €)?
Ja, das ist sehr wenig Geld. Zum einen werden jugendliche unverheiratete Mütter unterstützt – gemeint sind Frauen im Teenageralter bis zum Alter von 24 Jahren – zum anderen erwachsene unverheiratete Mütter und außerdem Adoptiveltern. Die jugendlichen unverheirateten Mütter erhalten von der Regierung 150.000 Won (105 €) pro Monat, bis das Kind zwölf Jahre alt ist. Aber sobald eine Mutter älter als 24 Jahre alt ist, bekommt sie nur 50.000 Won, bis das Kind zwölf Jahre alt ist. Aber selbst diese Summe erhalten nicht alle Mütter. Das erhalten nur diejenigen, deren Einkommen unter dem Existenzminimum liegt.
Für Adoptiveltern hingegen gibt es keine derartigen Beschränkungen. Wenn ein Paar ein Kind adoptieren kann, dann sollte es finanziell schon relativ abgesichert sein. Aber die Regierung zahlt ihm 150.000 Won, bis das Kind das Alter von 13 Jahren erreicht.
Aber kann man ein Baby mit 150.000 Won aufziehen? Kostet das nicht viel mehr?
Ja – und deswegen arbeiten die Mütter in Teilzeit. Aber das ist sehr schwer. Ich habe gehört, dass Mütter oftmals nach ein paar Monaten aufgeben und ihr Baby doch noch zur Adoption freigeben.
Bekommen die Frauen keine Unterstützung von ihren Eltern?
Die Eltern sind meist nicht glücklich, wenn ihre Tochter unverheiratet schwanger wird und ein Kind zur Welt bringt.
Warum nicht?
Weil sie es sehr beschämend finden gegenüber den Verwandten und Nachbarn. Wenn die Tochter unverheiratet schwanger geworden ist, dann ist die erste Reaktion der Eltern meist, die Tochter zu einem Schwangerschaftsabbruch zu drängen. Wenn sie darauf beharrt, das Kind zu bekommen und allein aufzuziehen, dann sagen die Eltern der Tochter oft: »Mach was du willst, aber du kommst uns nicht mehr ins Haus«. Auf diese Weise geht die Beziehung zwischen Eltern und Tochter in die Brüche, wenn eine Frau sich dafür entscheidet, das Baby zu bekommen und alleine großzuziehen. Nach zwei, drei Jahren erholt sich die Beziehung meist wieder, weil alle Eltern ihre Tochter lieben, so oder so. Aber die Zeit der Schwangerschaft und die ersten beiden Jahre nach der Geburt sind eine sehr kritische Phase für eine Frau, in der sie eigentlich die Unterstützung aus ihrer Umgebung braucht. Aber genau in dieser kritischen Phase wird die Frau allein gelassen.
An wen kann sich eine ledige Mutter dann wenden?
Es gibt etwa 33 Entbindungsheime in Korea. Das sind nicht genug für alle unverheirateten Mütter. Meistens leben in den Entbindungsheimen Mütter im Teenageralter, die sonst nirgendwo hin können. Aber dort muss man zu einer bestimmten Zeit aufstehen und zu einer bestimmten Zeit das Licht löschen. Wenn man außerhalb des Heims jemanden treffen will, muss man sich von den Sozialarbeitern eine Erlaubnis dafür einholen. Deswegen wollen Frauen über 25 dort nicht hin. Es ist schwer für sie, denn sie bekommen weder genügend Unterstützung von der Regierung noch Hilfe von ihren Eltern. Deswegen leihen sich viele Geld von ihren Freunden und arbeiten in Teilzeit. Es ist chaotisch.
Was ist mit den Kindsvätern?
Ich schätze, dass nahezu 99% der Väter keine Verantwortung übernehmen. Ein Grund dafür ist, dass einige Frauen es den Männern nicht erzählen, wenn sie nach einer Trennung ihre Schwangerschaft entdecken – aus Selbstschutz. Viele denken sich: »Sobald er davon weiß, wird er mich dazu drängen, das Kind zur Adoption freizugeben. Und ich möchte mir von diesem Mann nicht noch ein zweites Mal das Herz brechen lassen«. Im zweiten Fall erzählt die Frau es dem Mann, aber die häufigste Reaktion des Mannes ist: »Ich will dieses Baby nicht. Und deswegen brauche ich auch keine Verantwortung zu übernehmen. Wenn Du willst, kannst Du es bekommen, aber dann musst Du es allein aufziehen«. Die Gesellschaft zwingt sie nicht dazu, Verantwortung zu übernehmen.
Aber traditionell war es doch eigentlich der Mann, dem die Verantwortung für die Kinder zukam?
Ja. In der Joseon-Dynastie herrschte die Vorstellung, dass die Kinder dem Mann gehören. Damals hat der Kindesvater das Baby in seine Familie aufgenommen. Üblicherweise hat die Frau des Kindesvaters das uneheliche Kind zusammen mit ihren eigenen Kindern aufgezogen. Das war noch zu Zeiten der Großfamilie. Aber das hat sich mit dem Beginn der modernen Gesellschaft geändert: Heute denkt man, dass Kinder zu einem sich liebenden Paar gehören. Dazu gehören nur zwei Personen. Aber wenn das Paar es nicht geschafft hat, zu heiraten und eine Familie zu gründen, dann übernehmen die Männer auch keine Verantwortung. Für das Kind gibt es dann keinen Platz. Und die einzige Lösung ist dann, das Kind zur Adoption freizugeben.
Sie hatten ja schon erwähnt, dass Adoptiveltern in Südkorea seit ein paar Jahren besonders gefördert werden. Warum?
Um die Inlands-Adoptionsrate zu steigern. Bis in die frühen 2000er-Jahre bzw. eigentlich bis zu den Olympischen Spielen in Südkorea im Jahr 1988 hat niemand an den Vorteilen der Auslandsadoption gezweifelt. Damals wurde Südkorea stark von Nordkorea kritisiert. Nordkorea warf dem Süden vor, mit Auslandsadoptionen Geld zu machen und Babys ins Ausland zu verkaufen. Auch die internationale Gemeinschaft kritisierte die koreanische Gesellschaft. Wegen des internationalen Drucks versuchte die südkoreanische Regierung, die Zahl der Auslandsadoptionen zu reduzieren – aber ohne Erfolg. Die hohen Zahlen hielten an bis ins Jahr 2003 oder 2004. Zu dieser Zeit kamen einige mittlerweile erwachsene Adoptivkinder aus dem Ausland zurück nach Korea und gründeten ihre eigene Organisation. In den Jahren 2003 und 2004 waren sie sehr aktiv und drängten die südkoreanische Regierung dazu, Auslandsadoptionen zu reduzieren. Der damalige Gesundheitsminister versprach, stattdessen die Inlandsadoption zu fördern.
Ist unehelich geboren zu sein die Hauptursache dafür, dass Kinder zur Adoption freigegeben werden?
Ja – und ich habe Statistiken, die das belegen. Bei den Inlandsadoptionen blieb die Rate der unehelichen Babys zwischen 1991 und 2011 sehr stabil bei etwa 70%. Aber im Fall der Babys, die ins Ausland geschickt wurden, sind die Zahlen wirklich erstaunlich: Im Jahr 2000 waren 99,8% aller ins Ausland geschickten Babys Kinder lediger Mütter. Im Jahr 2002 und 2004 waren es 100%. Heute verändert sich das ein bisschen. Die Zahl der unverheirateten Mütter, die sich dazu entschließen, ihr Kind selbst aufzuziehen, steigt allmählich an.
Was muss sich ändern, damit mehr Kinder bei ihren Müttern aufwachsen können?
Die an der Ehe orientierte Ideologie muss sich ändern. Normalerweise denken die Leute, dass unverheiratete Mütter keine guten Mütter sein können. Ich habe gehört, dass sogar Sozialarbeiter ledige Mütter oft unter Druck setzen, ihr Kind zur Adoption freizugeben – nach dem Motto: »Denk doch mal an dein Kind. Du könntest ihm ein glückliches Leben ermöglichen«. Einige Mütter haben sich sogar anhören müssen: »Hast Du überhaupt genug Geld, um dein Kind auf eine private Zusatzschule zu schicken, wo es Englisch lernen kann? Das kostet sehr viel. Aber du könntest es darin unterstützen Englisch zu lernen, indem du es für eine Auslandsadoption freigibst«. Und natürlich muss sich die Diskriminierung innerhalb der Familienförderung ändern. Im Moment werden noch nicht alle Arten von Familien, die Hilfe brauchen, gleichberechtigt unterstützt. Das muss sich ändern. Wir sollten akzeptieren, dass es verschiedene Wahlmöglichkeiten gibt.
Das Interview wurde im Frühjahr 2014 geführt. Inzwischen wurde das »Gesetz zur Unterstützung der Familien mit einem Elternteil (한부모가족지원법)« am 22.7.2014 erlassen. Doch die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung haben sich noch nicht konkretisiert. Link zum Poster zum Single Moms Day
http://peaceshannon.tumblr.com post/84392675705/4-the-poster-for-the-4th