Die Geburt der militaristischen Erziehung 

Stand 2011: Moon Myung-Jin ist seit Jahren in der südkoreanischen Kriegsdienstverweigerungsbewegung tätig. Aus seinem Engagement gegen den Einsatz koreanischer Truppen im Irak-Krieg und gegen die Expansion eines U.S.-Militärstützpunkts in Pyeongtaek wuchs seine Überzeugung, dass er den Wehrdienst nicht würde ableisten können. Am 11. April 2011 wurde er schließlich zu 18 Monaten Gefängnisaufenthalt verurteilt. Er ist derzeit im Geumcheon-Gu-Gefängnis in Seoul inhaftiert. Zu erreichen ist der Autor, erst nach seiner Freilassung wieder, unter: flyanthony@gmail.com
Dieser Artikel ist erstmals 2011 in der Printausgabe vom Koreaforum 20 erschienen.

Schule des Gehorsams: Wehrdienstverweigerer MOON Myung-Jin spürt den kolonialen Wurzeln der Militarisierung des südkoreanischen Schulsystems nach, die bis heute ihre alltägliche Wirkung zeigen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in der das Sprichwort »Man(n) wird erst nach seiner Militärzeit zum Menschen« ganz alltäglich benutzt wird. In dieser Gesellschaft denken viele, dass es absolut ausreichend ist, nur nicht aufzufallen und überall dem Durchschnitt zu entsprechen. Tief verinnerlicht haben die Menschen hier eine Mentalität, die einen als Erstes nach dem Alter des Anderen fragen lässt, wenn man jemanden gerade kennenlernt. Sie verursacht in vielen Leuten allergische Reaktionen auf das Thema Militärdienstverweigerung und lässt sie immer noch verbissen dem »Wehrdienst-Extrapunkte- System«1 Das Wehrdienst-Extra- punkte-System bezieht sich darauf, dass Männer, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, in den Examen zur Aufnahme in den Staatsdienst Zusatzpunkte verliehen bekommen, welche ihnen gegenüber denen, die nicht beim Militär waren, einen signifikanten Vorsprung in der zivilen Arbeitswelt verschafft. anhängen. 

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Definitionen des Militarismus. Dieser Aufsatz folgt der Ansicht, dass der Militarismus eine Kultur ist, die auf einer hierarchisch strukturierten Organisation, auf dem widerspruchslosen Gehorsam von Jüngeren gegenüber den Befehlen Älterer sowie auf einem Leben im fortdauernden Konkurrenzkampf basiert, wobei letztendlich immer die Gruppe vor das Individuum gesetzt wird. 

DIE VOLKSSCHULEN WÄHREND DER JAPANISCHEN BESATZUNG: DISZIPLINARINSTITUTIONEN 

Zu Beginn ihrer Kolonialherrschaft in Korea wollten die japanischen Besatzer ihre Macht über eine Politik der »Verdummung der Massen« festigen, forcierten jedoch im weiteren Verlauf eher die Schaffung eines vom System der Kolonisierung abhängig gemachten Menschen. Die Auswirkungen dieses Wandels waren deutlich in den sogenannten Volksschulen zu erkennen, da vor allem dort die Formung des von den Kolonialherren angestrebten Individuums mit Hilfe der in diesen Schulen eingesetzten alltäglichen Disziplinierungsmethoden realisiert wurde. Definiert man als Prioritäten von Bildung die starke Kontrolle, Klassifizierung und Beurteilung von Schülern, dann hat die japanische Besatzungsregierung genau diese Punkte sehr gut umgesetzt.2 KIM Jin-Gyu, JEONG Geun-Sik, KANG I-Su (1998), Die Volksschule und ihre Regeln in der japanischen Kolonialzeit (Iljeha botonghakgyo-wa gyuyul), Die Prinzipien der modernen Ära und die Autorität der Regeln der Kolonialzeit (Geundaejuche-wa sing- minji gyuyulgweollyeok), Muhwagwahak Verlag (Munhwagwahaksa), S. 89-100. Die Erziehung in den Schulen war, zusätzlich zum Curriculum des Fächerunterrichts und den vereinheitlichten Unterrichtsmethoden, durch festgelegte Schulveranstaltungen, vorgeschriebene Strafen, Disziplinierungs- und Hygieneregeln bis ins letzte Detail ausgearbeitet. 

Der spezifische Charakter der Volksschulen als Institutionen der Disziplinierung wird bereits in der Aufteilung der Schulanlagen deutlich. Der groß angelegte Sportplatz ist der Ort für den physischen Drill während der Ausübung verschiedenster Gymnastik- und Sportarten. Gleichzeitig ist er auch Schauplatz für unterschiedliche Schulveranstaltungen mit der gesamten Schülerschaft und der Ort, an dem Inspektionen stattfinden. Die Schüler positionierten sich dabei nicht irgendwie frei auf dem Feld. Die unteren Klassen wurden in der Mitte, die höheren beidseitig daneben aufgereiht, sodass jedem einzelnen Schüler inmitten all der anderen bewusst gemacht wurde, wo genau sein Platz in der Rangordnung war. Eine weitere Betrachtung der räumlichen Struktur eines Schulgebäudes macht deutlich, dass durch die strategische Platzierung der Räume die Überwachungsfunktion im Allgemeinen gesichert wurde. So ist das Direktorenzimmer zentral im Gebäude platziert, wobei von dort aus nicht nur alle Klassenräume eingesehen, sondern auch der Sportplatz im Ganzen überwacht werden konnte. Diese räumliche Struktur findet sich auch in den einzelnen Unterrichtsräumen wieder. Der Lehrer ist in der Mitte der räumlichen Perspektive platziert, die Schüler in Reihen und Linien angeordnet, die auf die Mitte des Raumes ausgerichtet sind. Im Gegensatz zu Anordnungen im Kreis oder anderen Gruppensitzformen, bei denen man sich gegenseitig ansehen kann, ist in dieser Sitzanordnung die Möglichkeit von Gesprächen zwischen den Schülern ausgeschlossen. Diese Struktur diente also dazu, dass alle auf einen Punkt in der Mitte des Raums fixiert waren und gleichzeitig von diesem Punkt aus kontrolliert werden konnten. 

Die Grundlage für die Verwaltung und Kontrolle der Schüler in den Schulen war die Durchleuchtung eines jeden Einzelnen. Dies wurde ermöglicht durch das Führen von Schülerregistern und Einzelakten. Ab den 1920er Jahren wurden die Methoden zur Durchleuchtung der einzelnen Schüler sogar noch minutiöser, denn zu der Zeit wurden Intelligenztests in den Schulen eingeführt. Man begann nun, die Beziehung zwischen Intelligenzquotienten und Schulleistungen zu untersuchen. Schulleistungen wurden dabei in einem Zehnpunkte-System bewertet und jeder erhielt innerhalb seiner Klassenstufe in Relation zu den anderen Schülern einen Rangplatz, was das damals entwickelte Bewertungssystem von der traditionellen Systematik der Bewertung unterschied. Diese Einteilung in eine Rangordnung gab nicht nur die Bildungsstandards der einzelnen Schüler wieder, sondern signalisierte auch eine Art von »Besiegen« und »Besiegt-werden« innerhalb eines Konkurrenzkampfes zwischen den Schülern. 

Auch waren die damaligen Einzelakten im Vergleich zu den heutigen Schülerakten sehr viel elaborierter. Sie verzeichneten nicht nur die Leistungen und die Schulkarriere, sowie die körperliche Entwicklung, den Intelligenzquotienten, das Temperament und den Charakter jedes einzelnen Schülers. Darüber hinaus enthielten sie auch Angaben zu den Familienverhältnissen und Informationen über die genetischen Verhältnisse der Familie. 

Ein weiteres Charakteristikum von Bildung in der modernen Ära, das in der Volksschule der Kolonialzeit eingeführt wurde, ist das Unterrichten nach einem Stundenplan. Die Allgemeinschulen wurden nach jährlich aufgestellten Veranstaltungskalendarien geführt, der Unterricht fand in Zeiteinheiten statt. Die Aufstellung der Stundenpläne erfolgte dabei nicht willkürlich, sondern unter Einarbeitung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Beispielsweise wurde ermittelt, dass Effizienz oft nicht durch längere Unterrichtsdauer erreicht wurde, und anhand dieser Erkenntnisse wurden auf die verschiedenen Tageszeiten unterschiedliche, passende Fächer zugeteilt. Dieser sich wiederholende Unterrichtsablauf wurde täglich mit dem Läuten der Schulglocke, die seinen Beginn und sein Ende markierte, in die Körper der Schüler eingraviert. 

DIE PROZESSHAFTE VERINNERLICHUNG VON REGELN: KONTROLLE UND BESTRAFUNG 

In einem Lernprozess hat neben dem eigentlichen Bildungsinhalt auch der pädagogische Aspekt – und dabei insbesondere das den Schülern auferlegte Regelwerk – in einem Raum wie der Schule eine immense Bedeutung bei der Formung der Schüler zu einem bestimmten Menschentyp. 

Die ersten Dinge, die ein Schüler nach seiner Einschulung in das allgemeinbildende Schulsystem erlernen soll, spiegeln die grundlegenden Fähigkeiten wieder, die im Alltag einer Gesellschaft gebraucht werden und drücken gleichzeitig aus, welche wesentlichen Verhaltensweisen und Haltungen einem Individuum als Teil dieser Gesellschaft abverlangt werden. 

Das allererste, was in der Schule des kolonialisierten Koreas gelehrt wurde, war das Antworten mit lauter Stimme, wenn man namentlich aufgerufen wurde, außerdem die korrekte Ausführung des militärischen Grußes und das exakte Aufstellen in Reih und Glied. Zu Beginn der 1920er Jahre wurde in den Volksschulen ein genaues Regelwerk bezogen auf die Handlungen und Haltungen von Kindern unter dem Namen »Techniken der Kindererziehung« eingeführt. Diese Techniken sollten als fundamentale Basis für jegliches Verhalten in grundsätzlichen Situationen erlernt werden. Die Pädagogik diente dazu, die festgeschriebenen Handlungsmuster so lange zu wiederholen, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen waren, sodass sie allmählich zu Gewohnheiten und damit zu allgemeingültigen Werten wurden. Die Inhalte dieser Erziehungstechnik hatten oft sehr wenig mit den Inhalten schulischer Bildung zu tun, waren jedoch so weit bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, dass sie Verhaltensnormen sogar für das Einnehmen von Mahlzeiten oder den Besuch der Toilette festlegten und darüber hinaus unaufhörliche Inspektionen der Kleidung, des äußeren Erscheinungsbildes und der mitgebrachten Schulmaterialien mit sich brachten. Der Alltag der Schüler wurde somit durch diesen Prozess von Bestrafung bei Abweichungen nach dem Willen der japanischen Kolonialmacht gestaltet. 

Die gesellschaftliche Formung der Schüler durch solche Regeln und die Erziehungsmethoden erreichten auch die Mädchen, die erst in der modernen Ära überhaupt in das Bildungssystem integriert worden waren. Die Regelwerke der Zeit zielten darauf ab, die Körper der Mädchen »rational«, anpassungsfähig und formbar zu machen. Insbesondere die normativen Bewertungen innerhalb der Regeln, die sich auf das äußere Erscheinungsbild, den sprachlichen Ausdruck und die Körperbewegungen der Schüler bezogen, vermischten sich dabei mit bereits existenten patriarchalischen Mechanismen der Gesellschaft und verstärkten so moralische Standards von Normalität und Abnormität, die die Gefühlswelten und Sexualität der Mädchen zu beeinflussen suchten. 3 LEE Yun-Mi (2004), Den gesellschaftlichen Abstand schaffen zur Bildungsinstitution
der modernen Ära (Geundaejeogin gyoyuk- gonggan-gwa sahoejeogin geori dugi), Die moderne Ära des Kolonialismus in Korea und der Raum von Frauen (Hanguk-eui singminji geundae-wa yeoseong gonggan), Yeoiyeon (Forschungsinstitut für Theorie der feministischen Kultur) [gofeminist.org], S. 301.

Die grundlegende Zielsetzung des Regelwerkes der Volksschulen dieser Zeit war die Schaffung von dem japanischen Kaiser treuen, dienenden und gleichzeitig soldatenhaften Menschen. Dazu wurde vom Tag der Einschulung an bis zum Schulabschluss das Empfinden einer Gruppenzugehörigkeit eingeübt. Zu Beginn erlernte der Schüler durch das Aufreihen zum Appell, dass er Teil einer großen Gruppe war. Auch durch das Hissen und Grüßen der Fahne, die synchron ausgeführten Leibesübungen und den Gesang im Chor wurde das Gruppenzugehörigkeitsgefühl bestätigt, was ein Nach-außen-sichtbar-machen der eigenen Position und Haltung innerhalb der Gruppe bedeutete. Dieser militärische Drill in Kombination mit dem alles umfassenden Regelwerk prägte sich noch stärker aus, als Japan 1937 den chinesisch-japanischen Krieg auslöste und in vollem Maße die Tennoisierung4 OH Seong-Cheol (2000), Der widersprüchliche Charakter der Bildung der Kolonialzeit (Singmin gyoyuk-eui mosunjeok seonggyeok), Lesen der Geschichte von Bildung über Dissertationen (Nonmun-euro ingneun gyoyuksa), Moonumsa Verlag, S. 579. propagierte [eine Politik, die zum Ziel hatte, sowohl Japan als auch die eroberten Gebiete vollkommen dem japanischen Kaiser unterzuordnen]. Zum Beispiel wurde das Punktesystem der Aufnahmeprüfung für die Mittelschule – bei der vor den 1939er Jahren vor allem die schriftlichen Prüfungsergebnisse ausschlaggebend gewesen waren – nun derart abgeändert, dass von den insgesamt 1000 zu erreichenden Punkten 300 allein durch eine positive Beurteilung der jeweiligen physischen Konstitution des Bewerbers erreicht werden konnten. Ab diesem Zeitpunkt war die physische Konstitution der Schüler keine Sache mehr, die nur von individuellen oder gesellschaftlichen Zielsetzungen bestimmt, sondern vielmehr bewusst nach den »Richtlinien der Nation« geformt wurde. Das in Korea heute noch geläufige Sprichwort »Deine physische Konstitution ist die Konstitution der Nation« hat genau hier ihren Ursprung. 

NACH DER BEFREIUNG:
KEINE GRUNDLEGENDEN REFORMEN 

Nach der Befreiung von der japanischen Besatzung unterschied sich das Regelwerk der Schulen in Korea, insbesondere in den 1970er Jahren unter der Yushin Regierung, kaum von der bis dahin während der Kolonialzeit entwickelten Auffassung von Schule. Die beschriebenen Praxen in den Schulen der Kolonialzeit übertrugen sich wie ein unbewegliches Erbstück auf das Bewusstsein der koreanischen Lehrkräfte, die während der Besatzungszeit unterrichtet hatten und auch nach der Befreiung ihre Ämter behielten. Denn nach 1945 hatten sie, eigentlich an einem Punkt des Neuanfangs stehend, leider keine alternativen Erfahrungen vorzuweisen, die sie gegen diese von ihnen nicht hinterfragte sture Wiederholung der erzieherischen Praktiken hätten einbringen können.5 OH Seong-Cheol (2000), Der widersprüchliche Charakter der Bildung der Kolonialzeit (Singmin gyoyuk-eui mosunjeok seonggyeok), Lesen der Geschichte von Bildung über Dissertationen (Nonmun-euro ingneun gyoyuksa), Moonumsa Verlag, S. 579.

Anhand der »Charta der Nationalen Bildung«, einem Dokument, das im Jahr 1968 verabschiedet wurde und bis in die Mitte der 1990er Jahren als wichtigstes Dokument der dominanten Bildungsideologie fungierte, können wir den Charakter von Bildung dieser Periode erkennen: 

DIE CHARTA DER NATIONALEN BILDUNG 

Wir wurden in dieses Land hineingeboren mit der historischen Mission, diese Nation zu regenerieren. Es ist nun an der Zeit für uns, eine selbstbewusste Haltung innerhalb unseres Landes und den gemeinsamen Wohlstand der Menschheit außerhalb herzustellen, indem wir den erhabenen Geist unserer Vorfahren wieder zum Leben erwecken. Hiermit legen wir den rechten Kurs dafür fest und setzen diesen zugleich als das Ziel unserer Bildung fest. 

Mit ehrlichem Geiste und starken Körpern, uns stets im Lernen und in den Künsten verbessernd, die uns gegebenen Fähigkeiten entwickelnd und die bestehenden Hindernisse für den rasanten Fortschritt unserer Nation aus dem Weg räumend, werden wir unsere schöpferische Kraft und unseren Pioniergeist kultivieren. Wir werden dem öffentlichen Wohl und der Ordnung unsere größte Aufmerksamkeit schenken, wir werden Effizienz und Qualität hoch halten. Und indem wir die Tradition gegenseitiger Hilfestellung erben, die in Liebe, Respekt und Loyalität wurzelt, werden wir den Geist der fairen und warmherzigen gemeinschaftlichen Tätigkeit fördern. Und da die Entwicklung der Nation die Grundlage für unser individuelles Wachstum ist, werden wir unser Bestes geben, um unsere Verantwortung und Verpflichtung wahrzunehmen, die einhergeht mit unserer Freiheit und unserem Recht, und wir werden die Bereitschaft des Volkes fördern, teilzunehmen an und zu dienen der Errichtung der Nation. 

Der beständige Glaube an Demokratie im Gegensatz zum Kommunismus macht den Weg zu unserem Fortbestand aus und ist die Basis dafür, die Ideale der freien Welt verwirklichen zu können. Auf eine Zukunft hoffend, in der wir das ruhmreiche Vaterland wieder zum Wohle ewigen Wohlstands vereinigt haben werden, so schwören wir – ein fleißiges Volk voller Vertrauen und Stolz – eine neue Geschichte zu schaffen durch unermüdliche Anstrengung und die gesammelte Weisheit einer ganzen Nation. 

5. Dezember 1968 PARK Chung-Hee Präsident der Republik Korea 

Mit der Verkündung dieser »Gründungsurkunde der Nationalen Bildung« erstellte das damalige Ministerium für Bildung einen Plan zur Reformierung des Bildungsstandards, was über die schulische Erziehung erfolgen sollte. Die »Charta der Nationalen Bildung« sollte als ideologische Grundlage dienen. Also ließ das Ministerium zur Beschleunigung des Prozesses 2.650.000 Exemplare vom »Buch der Gründungsurkunde der Nationalen Bildung« drucken, welches in den Mittel- bis Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen verteilt wurde, dazu 1.300.000 Exemplare vom »Bilderbuch der Gründungsurkunde« für die Grundschulkinder. Zusätzlich wurde verordnet, dass alle Schüler und Beamten im Land die Charta auswendig lernen mussten und auf allen Veranstaltungen der Text aufgesagt bzw. verlesen werden sollte. Das Ministerium produzierte Filme und Platten, die den Wortlaut der Charta enthielten, und ließ diese medial verbreiten. So wurden alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten genutzt, um die Ziele der Charta zu realisieren. Präsident PARK Chung-Hee selbst hielt die Ansprache an den alljährlich stattfindenden Jubiläumsfeiern zur Verabschiedung der »Charta der Nationalen Bildung«. Nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern bei allen wichtigen Anlässen wie z.B. bei der jährlichen Rede an die Nation oder bei Pressekonferenzen betonte er die Bedeutung dieser »Gründungsurkunde der Nationalen Bildung«. Die in der »Charta der Nationalen Bildung« genannten Werte sind sehr umfassend, so dass es tatsächlich schwierig ist zu behaupten, dass sie an sich eindeutig abgrenzbar volksnationalistisch oder undemokratisch staatsnationalistisch seien. So ist die Rede u.a. von »selbstbewusster Haltung«, von den »gemeinschaftlichen Wohlstand der Menschheit«, von »Schöpfung« und »Pioniergeist«, sowie von »Liebe, Respekt und Loyalität«, von »Freiheit« und »Rechten«, »Verantwortung« und »Verpflichtung«, »individuellem Wachstum« und »Entwicklung der Nation«, Anti-Kommunismus und Demokratie, alles sehr unterschiedliche Schlagwörter, die im Kontext der Urkunde unreflektiert in einigen paradoxen Kombinationen formuliert wurden. Letztlich ist bei dieser Bandbreite der Inhalte die reale Auswirkung der »Charta der Nationalen Bildung« auf die Erziehung in Korea wohl komplett davon abhängig gewesen, welche dieser Elemente/Aussagen in welchem Zusammenhang betont wurden. Darum ist es notwendig, dass wir die Auslegung der »Charta der nationalen Bildung« unter der Regierung PARK Chung-Hees genauer betrachten. Beispielsweise verkündigt PARK Chung-Hee auf der Pressekonferenz zum Jahresauftakt 1970: »Die Nation ist die Erweiterung vom ‚Ich’ zu einem ‚Höheren Selbst’, und damit ist das Schicksal des Einzelnen gleichbedeutend mit dem Schicksal der Nation. Daher ist die Aufopferung für die Nation auch immer Aufopferung im eigentlichen Sinne.« Diese Ideologie von Nation führte letztlich auch dazu, dass das Drillen von Schülern, bis diese zur Entwicklung der Nation beitragen konnten, als Bildung verstanden wurde. Unter der Diktatur PARK Chung-Hees konnte die »Charta der nationalen Bildung« auf einen einzigen Satz kondensiert werden, nämlich: 

»Und da die Entwicklung der Nation die Grundlage für unser individuelles Wachstum ist, werden wir unser Bestes geben, um unsere Verantwortung und Verpflichtung wahrzunehmen, die einhergeht mit unserer Freiheit und unserem Recht, und wir werden die Bereitschaft des Volkes fördern, teilzunehmen an und zu dienen der Errichtung der Nation.« Die in diesem Satz enthaltenen Werte werden dabei nicht als militärisch, sondern als die tragenden Größen für die Beziehung zwischen Senior [Seonbae] und Junior [Hubae] ausgelegt. So ist zu verstehen, dass für PARK Chung-Hee die »Pflicht« eines Einzelnen gegenüber der Nation mehr wert war als sein »Recht«, die »Verantwortung« mehr wert als die »Freiheit«.6 OH Seong-Cheol (2003), Die Wissenschaft von Bildung im Nationalismus unter PARK Chung-Hee und der Wirtschaftswachstum (PARK Chung-Hee sidae-eui gukgajueui gyoyungnon-gwa gyeongje seong- jang), Korean Historical Studies (Yeoksamunje yeon’gu), Nr. 11, Institut for Korean Historical Studies (Yeoksamunje yeon’guso), S. 63-75. In dieser Gesellschaft von Individuen, die durch das Regelwerk in den Schulen und schließlich während des Militärdienstes endgültig an die Kultur des Militarismus gewöhnt wurden, sind solche Phänomene zu beobachten wie etwa während der Reform des Personalausweissystems, als sich in nur zwei Monaten bereits über 70% der Bürger von sich aus gemeldet hatten. Oder etwa auch in den Lagern der Studentenbewegung oder anderen progressiven Bewegungen selbst, wo ja eigentlich dem autoritären System Widerstand geleistet wurde, aber dennoch faschistische Tendenzen keineswegs ungewöhnlich waren.7 Ein Problembewusstsein über diese und ähnliche Phänomene kommt außer bei IM Ji-Hyeons Der Faschismus in uns (Uri an-eui pasijeum) (Samin- books, 2000) auch in KWON In-Suks Die Republik Korea ist das Militär (Daehanmingug-eun gundaeda) (Cheongnyeonsa Verlag ,2005) sehr klar zum Ausdruck.

AUF DER SUCHE NACH EINER MÖGLICHKEIT ZUR ENTMILITARISIERUNG 

Jeder Koreaner, der durch den Prozess der Internalisierung von Schulregeln die militärischen Werte in sich verinnerlicht hat, wurde dadurch der Gelegenheit beraubt, sich selbst in Frage zu stellen. Stets haben Erwachsene (Familie/Schule/Nation/Männer) die Basis unserer eigenen Verhaltensweisen gelegt. Ein stellvertretendes Beispiel für die Fortsetzung einer solchen Ideologie ist etwa der gesellschaftliche Druck, der den Besuch einer Eliteuniversität zum Muss erklärt, was wiederum die heutige Aufnahmeprozedur an den Universitäten rechtfertigt. Oder die üblichen Begründungen für die Wehrpflicht und die Notwendigkeit der Existenz einer Armee zur Verteidigung Koreas, die heutzutage verpackt wird als der Wert der nationalen Sicherheit. Im Jahre 2000 haben jedoch Wehrdienstverweigerer durch ihr »Coming Out« in dieser koreanischen Gesellschaft Fragen aufgeworfen, die ein Überdenken dieser als natürlich empfundenen Werte einfordern, wie etwa der Umstand, dass bis zum heutigen Tag für einen »normalen« Mann das Ableisten der Wehrpflicht als selbstverständlich angesehen wird, um die Stabilisierung der nationalen Sicherheit zu gewährleisten. Das Gleiche gilt auch für den Fall von Professor LEE Yong-Seok, der wegen seiner Verweigerung, die  Flagge zu grüßen und auf sie zu schwören, verurteilt wurde und dadurch eine Gelegenheit zur Selbstreflektion auf das bis dahin unreflektierte Grüßen und Schwören ermöglichte. 

Ein durch die Werte des Militarismus geformter Mensch sucht oftmals den Grund seiner Existenz und sein Wohlgefühl in einem Gegenüber und nicht in sich selbst. Doch trägt Bildung auch immer die Möglichkeit von Wandel in sich und je nach Ausformung von Bildung kann es das Individuum zu etwas Untergeordnetem machen oder im Gegenteil zu einer Chance für Reflektion und Befreiung werden. Wenn dem so ist, wie können dann gegenseitig impulsgebende (Erziehungs-)Beziehungen geschaffen werden, die es ermöglichen, die in unserem Alltag verschmolzenen Werte des Militarismus freizulegen? Wir werden zukünftig gemeinsam über die Antwort gründlich nachdenken müssen. 

Aus dem Koreanischen von SHIN Hyo-Jin

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    Das Wehrdienst-Extra- punkte-System bezieht sich darauf, dass Männer, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben, in den Examen zur Aufnahme in den Staatsdienst Zusatzpunkte verliehen bekommen, welche ihnen gegenüber denen, die nicht beim Militär waren, einen signifikanten Vorsprung in der zivilen Arbeitswelt verschafft.
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    KIM Jin-Gyu, JEONG Geun-Sik, KANG I-Su (1998), Die Volksschule und ihre Regeln in der japanischen Kolonialzeit (Iljeha botonghakgyo-wa gyuyul), Die Prinzipien der modernen Ära und die Autorität der Regeln der Kolonialzeit (Geundaejuche-wa sing- minji gyuyulgweollyeok), Muhwagwahak Verlag (Munhwagwahaksa), S. 89-100.
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    LEE Yun-Mi (2004), Den gesellschaftlichen Abstand schaffen zur Bildungsinstitution
    der modernen Ära (Geundaejeogin gyoyuk- gonggan-gwa sahoejeogin geori dugi), Die moderne Ära des Kolonialismus in Korea und der Raum von Frauen (Hanguk-eui singminji geundae-wa yeoseong gonggan), Yeoiyeon (Forschungsinstitut für Theorie der feministischen Kultur) [gofeminist.org], S. 301.
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    OH Seong-Cheol (2000), Der widersprüchliche Charakter der Bildung der Kolonialzeit (Singmin gyoyuk-eui mosunjeok seonggyeok), Lesen der Geschichte von Bildung über Dissertationen (Nonmun-euro ingneun gyoyuksa), Moonumsa Verlag, S. 579.
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    OH Seong-Cheol (2000), Der widersprüchliche Charakter der Bildung der Kolonialzeit (Singmin gyoyuk-eui mosunjeok seonggyeok), Lesen der Geschichte von Bildung über Dissertationen (Nonmun-euro ingneun gyoyuksa), Moonumsa Verlag, S. 579.
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    OH Seong-Cheol (2003), Die Wissenschaft von Bildung im Nationalismus unter PARK Chung-Hee und der Wirtschaftswachstum (PARK Chung-Hee sidae-eui gukgajueui gyoyungnon-gwa gyeongje seong- jang), Korean Historical Studies (Yeoksamunje yeon’gu), Nr. 11, Institut for Korean Historical Studies (Yeoksamunje yeon’guso), S. 63-75.
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    Ein Problembewusstsein über diese und ähnliche Phänomene kommt außer bei IM Ji-Hyeons Der Faschismus in uns (Uri an-eui pasijeum) (Samin- books, 2000) auch in KWON In-Suks Die Republik Korea ist das Militär (Daehanmingug-eun gundaeda) (Cheongnyeonsa Verlag ,2005) sehr klar zum Ausdruck.